Headerbild Dorferneuerung und Gemeindeentwicklung

Kollersried
Gemeinsam sind wir stark - engagierte Bürger eines kleinen Dorfes erarbeiten ihre Visionen und setzen sie um

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft und der demografische Wandel mit all seinen Auswirkungen waren auch in Kollersried, einem vitalen Ort mit knapp 200 Einwohnern, deutlich zu erkennen. Um die Probleme im Ort und in der Flurlage anzupacken, wurde im Jahr 2000 die Flurneuordnung und Dorferneuerung Kollersried angeordnet. Die Instrumente der Ländlichen Entwicklung waren die Basis für die Weiterentwicklung des dörflichen Lebens, des Engagements der Dorfbewohner und der Eigeninitiativen im Ort. Die Kollersrieder waren von Anfang an sehr engagiert, kreativ und innovativ. Gemeinsam wurden Visionen erarbeitet und umgesetzt. Alle Dorfbewohner haben angepackt nach dem Motto: „Wir sind Kollersrieder und gemeinsam sind wir stark“.

Ein Dorf feiert zusammen

Der Ausbau der Ortstraßen war für Kollersried zugleich Anlass, den bisher fehlenden, zentralen Treffpunkt im Dorf – einen Dorfplatz – anzulegen. Durch eine geschickte Aufweitung des bisherigen Straßenraums konnte bei der Dorfkirche ein Dorfplatz mit einem Pavillon und einem Brunnen angelegt werden. Heute ist der neue Dorfplatz ein Treffpunkt für Jung und Alt. Bei Gottesdiensten wird der Pavillon als Altarraum genutzt, an Ostern ziert die Osterkrone den Dorfbrunnen und auch der traditionelle Maibaum wird natürlich am Dorfplatz aufgestellt. Zahlreiche Feiern der Dorfgemeinschaft zu Weihnachten, Silvester oder auch Feste im kleineren Kreis werden dort veranstaltet.
Gesellschaftlich ist in Kollersried einiges geboten. Höhepunkte im lebendigen Dorfleben sind das traditionelle Kirchweihfest und das „Fensterguggn“ im Advent. Bis Weihnachten leuchten 24 reich geschmückte Fensterbilder als Adventskalender im ganzen Dorf. Für die zahlreichen Besucher werden Führungen im festlich geschmückten Ort angeboten, die Jugendlichen spielen adventliche Lieder und am Dorfplatz lädt ein kleiner Weihnachtsmarkt zum Ausklang des Besuchs ein.

Auch die Teilnahme am Faschingszug der Stadt Hemau hat Tradition. Jährlich beteiligt sich eine Gruppe von rund 100 Personen in selbst genähten Kostümen am Hemauer Faschingstreiben. Die Kollersrieder halten zusammen, helfen sich gegenseitig und feiern gemeinsam.

Gemeinsam Zukunft gestalten

Was als Recherche der eigenen Familiengeschichte begann endete in der Erstellung einer über 600 Seiten starken Ortschronik. Auf Grund der vielen gesammelten Daten zu Familien und Anwesen von Kollersried entstand im Rahmen der Dorferneuerung die Idee, das vorhandene Material zu ergänzen und in Form eines Buches zusammenzufassen. In über 3 000 Arbeitsstunden wurde die Geschichte der Heimat dokumentiert. Die lange Geschichte von Kollersried belegt, wie bescheiden, in oft armen Verhältnissen, die Menschen in diesem Teil der Oberpfalz leben mussten. Ein Grund mehr, warum die Kollersrieder zusammenhalten und einen besonderen Bezug zu ihrem Ort haben.Selbst Bürger, die weggezogen sind, nehmen immer wieder gerne an diesem Gemeinschaftsgefühl teil.

Zwölf Jahre lang war das Thema „Straßennamen“ ein Reizthema im Ort. Insbesodere die jungen Kollersrieder wollten den Ortsnamen in der Adresse beibehalten und damit einen Teil ihrer Identität nicht verlieren. Der Vorstand der Teilnehmergemeinschaft wirkte als Moderator, so dass sich am Ende die Dorfbewohner einigten und ortstypische Straßennamen gefunden wurden.

Eigenes Zuhause für die Jugend

Die Jugendlichen – rund 35 % der Dorfbevölkerung sind unter 20 Jahre alt – wirkten bereits in den Arbeitskreisen sehr engagiert und aktiv mit und setzten sich insbesondere für einen eigenen Jugendtreff ein. Mit viel Eigeninitiative und tatkräftiger Unterstützung zahlreicher erwachsener Dorfbewohner wurde in der ehemaligen Kaserne Hemau eine Hütte abgebaut, am Ortsrand von Kollersried wieder auf- und gleichzeitig bedarfsgerecht umgebaut. Die Jugend verfügte damit endlich über eigene Räumlichkeiten zum Feiern und Zusammensein. Als das Dorfwirtshaus geschlossen wurde, diente der Jugendtreff vorübergehend als Treffpunkt für alle Dorfbewohner und Vereine – fast wie ein kleines Wirtshaus.

Kolloseum ist der Stolz der Kollersrieder und das Zentrum des Gemeinschaftslebens im Dorf

Schnell war klar, dass die gemeinsame Nutzung des Jugendtreffs von Jung und Alt nur eine Übergangslösung sein konnte. Und dann bot sich auch erfreulicherweise rasch die Chance zur Abhilfe. Denn die Stadt Hemau konnte im Ort ein Grundstück erwerben, das sich auch für den lange gehegten Wunsch zum Neubau eines Dorfgemeinschaftshauses eignete.

Das Dorfgemeinschaftshaus ist mittlerweile der ganze Stolz der Kollersrieder. Fast 10 000 freiwillige Arbeitstunden sowie viele Sach- und Geldspenden der gesamten Dorfbevölkerung haben zum erfolgreichen Gelingen des Projekts „Kolloseum“ beigetragen. Ein Teil des Geldes für den Bau wurde gesammelt oder bei Veranstaltungen erwirtschaftet. Auch wurden Materialen gespendet oder vom Abriss eines alten Gebäudes verkauft. Bis zu 40 Personen arbeiteten gleichzeitig auf der Baustelle. Die Fachkräfte und Handwerker des Dorfes standen mit Rat und Tat zur Seite. Die Frauen im Dorf versorgten die Bauarbeiter mit Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen. Die Kollersrieder haben sich bewusst für ein Holzhaus entschieden, nach dem Motto „Schrauben kann jeder“, so dass wirklich alle Dorfbewohner mitarbeiten konnten. Diese großartige gemeinsame Leistung hat die Dorfgemeinschaft noch zusätzlich zusammengeschweißt.
Das Dorfgemeinschaftshaus „Kolloseum“ ist zum zentralen Ort für Seniorennachmittage, Theaterveranstaltungen und Lesungen, Mutter-Kindgruppe, Kinderveranstaltungen, Bastelnachmittage etc. geworden und dient den örtlichen Vereinen als Vereinsheim und Treffpunkt: Feuerwehr, Schützenverein, Nagelclub, Bikerclub, Schwemmverein haben hier eine Heimat gefunden.

Kulturverein gibt die Impulse

Im Rahmen der Förderzusage forderte das Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz die Gründung eines Vereins, der sich für den Betrieb und den Unterhalt des Hauses verantwortlich zeichnet. So wurde der Kollersrieder Kulturverein gegründet, was sich in der Folgezeit als wahrer Glücksgriff für das Gemeinschaftsleben erweisen sollte. Der Kulturverein kümmert sich heute nicht nur um den Betrieb des Dorfgemeinschaftshauses, er vereint auch die anderen fünf Ortsvereine sowie die gesamte Dorfbevölkerung. Er setzt sich sowohl für die Kultur-, Heimat-, Jugend-, Alten- und Brauchtumspflege als auch für die kirchlichen Zwecke in Kollersried ein. Heute ist es üblich, dass mindestens eine Person aus jedem Kollersrieder Haushalt Mitglied im Kulturverein ist. Zurzeit ist er mit seinen 150 Mitgliedern der größte Verein im Ort.

Kollersried und die Energiewende

Das Thema Energiewende ist in Kollersried nichts Neues und Solarenergie wird schon längst genutzt. In dem 65 Anwesen und Wohnhäuser umfassenden Dorf existieren 16 Photovoltaikanlagen zur Stromerzeugung und acht Anlagen mit Solarkollektoren zur Warmwasserbereitung. Die 16 Photovoltaikanlagen erbringen eine Leistung von 461,6 kWp. Als Windkraftstandort ist Kollersried nicht besonders gut geeignet, dennoch gibt es eine Kleinanlage mit 2 kW Leistung. Zudem sind vier Hackschnitzelheizungen und vier Pelletsheizungen in Betrieb. Der Stromverbrauch in Kollersried ist seit Jahren konstant bei knapp 400 000 kWh. Mit 460 kWp ergibt die Prognose bei einer durchschnittlichen Laufzeit von 900 Std/Jahr einen Ertrag von 414 000 kWh; d.h. rein rechnerisch kann die gesamte Ortschaft mit Strom versorgt werden.

Dorfkirche gehört wieder der Dorfgemeinschaft

Seit dem 12. Jahrhundert gibt es in Kollersried eine Dorfkirche. Im Jahr 1968 wurde die 800 Jahre alte Dorfkirche, zur Abwendung einer Zwangsversteigerung, an 27 Hauseigentümer im Dorf übertragen. Durch Erbfolge und Wegzüge war die Dorfkirche „St. Jakobus“ im Jahr 2004 auf 51 Miteigentümer mit 414 Anteilen in ganz Süddeutschland aufgeteilt. Teilweise gab es noch offene Erbauseinandersetzungen. Entscheidungen und Maßnahmen jeder Art wurden dadurch erschwert oder gar verhindert.

Weder die Stadt Hemau noch die Pfarrei konnten oder wollten die Kirche übernehmen. Nach vielen Verhandlungen und Gesprächen waren sich die Kollersrieder einig, die Kirche in das Eigentum des 2007 gegründeten Kollersrieder Kulturvereins zu übertragen. Die Kirche wurde im wahrsten Sinn des Wortes im Dorf gelassen. Der Kollersrieder Kulturverein verfügt heute über 100 % der Miteigentumsanteile – eine einmalige Form der Eigentumsübertragung im Rahmen der Flurneuordnung.

Vertrauen als Basis in der Flurneuordnung

Durch die zahlreichen gelungenen Aktivitäten und mit der aktiven Bürgerbeteiligung hat sich der Vorstand der Teilnehmergemeinschaft viel Vertrauen bei den Teilnehmern erworben. Es war daher keine allzu große Überraschung, dass auch die Bodenordnung in der Flur ohne Probleme umgesetzt wurde und die neuen Wirtschaftseinheiten den aktuellen Anforderungen der Landwirtschaft angepasst werden konnten. Einvernehmen bestand auch damit, Wirtschaftswege nur im notwendigen Umfang zu befestigen. So sind die Hälfte der 13 Kilometer Wege geschottert. Und viele der Wege werden von Radwanderern genutzt.

Existenz nur noch mit Zupacht

Schöne und abwechslungsreiche Landschaften bringen wie überall so auch in Kollersried schwierige Wirtschaftsbedingungen für die Landwirte mit sich. So ging auch hier die Zahl der Vollerwerbsbetriebe von drei auf zwei und die der Nebenerwerbsbetriebe von zehn auf einen Betrieb zurück.
Betriebe können heute nur noch durch Zupacht überleben. In Kollersried erklärten sich 28 Eigentümer bereit, ihre landwirtschaftlichen Flächen auf zehn Jahre an aktive Betriebe zu verpachten. Davon profitieren gleich drei Seiten. Zum einen können insbesondere Vollerwerbslandwirte so längerfristig planen und darüber hinaus wurden bei der Neuordnung des Grundbesitzes gepachtete Flächen mit eigenem Besitz zu zweckmäßigen Wirtschaftsflächen zusammengelegt. Zum zweiten wird Verpächtern die Hälfte der Eigenleistung zur Flurneuordnung erlassen. Und zum dritten profitiert die Kulturlandschaft, die von den Landwirten gepflegt wird und so der Gesellschaft erhalten bleibt.

Wasser zurückhalten und Landschaft nutzen

In Abstimmung mit den Grundstückseigentümern wurden zum Hochwasserschutz zahlreiche naturnahe Rückhaltebecken, Tümpel, Gumpen und Gräben angelegt, um Niederschlagswasser länger in der Landschaft zu halten. Ferner wird das Landschaftsbild noch mit mehreren Streuobstwiesen aufgewertet. Und Kollersried wäre nicht Kollersried, wenn der Kulturverein nicht schon lange vorher die gemeinsame Obsternte und -verwertung geplant hätte. So ist auch schon eine Brennerei in Planung.

Projektträger
Dorferneuerung Kollersried, Stadt Hemau, Landkreis Regensburg