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Antibiotikaresistenzen
Bayerisches Aktionsbündnis gegen Antibiotikaresistenzen

Das "Bayerische Bündnis gegen Antibiotikaresistenzen – BAKT" umfasst von der Prävention bis zur Behandlung von Krankheiten, von der Tierhaltung bis zur Produktion von Lebensmitteln alle Lebensbereiche und ist in dieser Breite deutschlandweit einmalig.

Beim Symposium sprachen die Vortragenden mögliche Ansatzpunkte zur Reduktion von Resistenzentwicklung und -verbreitung im jeweils eigenen Bereich offen an. Gemeinsames Ziel ist, einen übermäßigen und unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika zu vermeiden. Das verabschiedete Positionspapier listet Maßnahmen auf, die es nun in allen Bereichen umzusetzen gilt.

Staatsminister Dr. Huber und die Bündnispartner von BAKT (Foto: LGL)

Staatsminister Dr. Huber und die Bündnispartner von BAKT (Foto: LGL)
von links nach rechts: Dr. Hans-Joachim Götz Federation of Veterinarians of Europe, Herr Koczian bayer. Apothekerkammer, Hans Hopf bayer. Krankenhausgesellschaft, MDirig. Friedrich Mayer StMELF, Dr. Siegfried Moder Landesverband Bayern des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte, Dr. Heidemarie Lux bayer. Landesärztekammer, Prof. Theo Mantel Bundestierärztekammer, Erlangens Oberbürgermeister Dr. Siegfried Balleis, Dr. Andreas Randt Tiergesundheitsdienst Bayern e.V., Staatsminister Dr. Marcel Huber, Stefan Helbig bayer. Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Pflegeberufe, Marion Breithaupt-Endres Verbraucherzentrale Bayern, Dr. Siegfried Throm Verband forschender Arzneimittelhersteller, Walter Heidl Bayerischer Bauernverband, Dr. Andreas Zapf LGL, Prof. Christoph Benz bayer. Landeszahnärztekammer

Resistente Erreger nehmen zu

In den letzten Jahren zeigt sich eine deutliche Zunahme von Bakterien, die gegen Antibiotika unempfindlich sind. In der Human- und in der Tiermedizin wird das zu einem immer drängenderen Problem. Infektionen wie Lungen- oder Gelenks-entzündungen, die noch vor wenigen Jahren sicher beherrschbar schienen, können heute zum Todesurteil werden, wenn die Erreger resistent gegen antibiotische Medikamente sind.

"Was geht mich das an?"

"Was geht mich das an?" mag sich die oder der Einzelne denken. "Ärztinnen und Ärzte müssen die richtigen Medikamente auswählen und die Industrie wird – wie in der Vergangenheit – alle paar Jahre neue Wirkstoffe auf den Markt bringen." Leider ist dieses Vertrauen trügerisch. "Was wir heute für selbstverständlich halten – wirksame Medikamente bei Infektionen – ist ernsthaft in Gefahr", so Dr. Wechsler-Fördös, Hygienikerin vom Krankenhaus Rudolfsstiftung in Wien.

Jede Anwendung vergrößert das Problem

Wie Prof. Gatermann vom Institut für Hygiene und medizinische Mikrobiologie der Universität Bochum herausstellte, trägt jede Anwendung von Antibiotika zur Resistenzentstehung bei: Immer, wenn antibiotische Stoffe in die Umwelt gelangen (und das schließt in diesem Fall auch den menschlichen Organismus bzw. den von Tieren mit ein), treffen sie auf verschiedenste Bakterien. Für manche der Bakterien ist das Antibiotikum "giftig", d.h., sie werden durch seine Anwesenheit abgetötet oder zumindest in ihrer Vermehrung stark gebremst. Die (wenigen) Bakterien, die gegen das Antibiotikum unempfindlich sind, überleben und finden sich nun in der komfortablen Situation, dass ihre Konkurrenten abgetötet oder stark geschwächt sind. In der Folge werden sich die unempfindlichen (resistenten) Keime viel schneller vermehren als zuvor. Damit nimmt die Zahl der Bakterien, die resistent sind, zu. Umgekehrt geht die Zahl der resistenten Keime meist zurück, sobald weniger Antibiotika eingesetzt werden.

Es kommt also darauf an, Antibiotika möglichst gezielt und sparsam einzusetzen.

Resistenzausbreitung ist schnell – die Entwicklung neuer Medikamente nicht!

Bakterien vermehren sich sehr schnell – eine Generation in nur 20 Minuten! Prof. Kresken von der Campus Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Dr. Schillinger vom Bundesverband für Tiergesundheit (Verband der Hersteller tiermedizin-scher Arzneimittel) stellten fest, dass in den nächsten Jahren nicht mit der Ent-wicklung neuer Antibiotika zu rechnen ist. Derzeit befinden sich für die Human-medizin noch drei Wirkstoffe im Zulassungsverfahren – neue Ansätze sind nicht in Sicht. Da das Zulassungsverfahren etwa 10 Jahre benötigt, muss die Medizin alles tun, um die Wirksamkeit der vorhandenen Stoffe zu erhalten.

Gegenseitige Schuldzuweisung

Wer ist schuld an dieser besorgniserregenden Entwicklung?

"Die Tierärzte geben viel zu viele Medikamente ab, weil sie damit Geld verdienen." "In der Tierhaltung werden Antibiotika zum Kaschieren von Mängeln in der Haltung und zur Gewinnmaximierung eingesetzt." "Resistente Krankheitserreger gehen direkt oder über die Lebensmittel auf den Menschen über."

Was ist dran an solchen Vorwürfen? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Prof. Bauer vom Lehrstuhl für Tierhygiene der TU München erforschen, ob und auf welchen Wegen Resistenzen vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden. Sie konnten zeigen, dass die einfache Gleichung: "Viele resistente Keime beim Nutztier = zunehmend schwer zu behandelnde Infektionen beim Menschen" nicht aufgeht. Ein direkter Übergang, so das Fazit, ist seltener als gedacht. So weisen nur etwa ein Fünftel der genetischen Resistenzprofile der Bakterien vom Schwein bzw. vom Menschen Übereinstimmung auf. Allerdings fand die Gruppe hohe Übereinstimmung zwischen resistenten Keimen von Heimtieren (z.B. Hunden oder Katzen) und "ihren" Menschen.
Auch die Vermutung, dass resistente Keime, die auf Lebensmitteln wie Geflügelfleisch oder Schweinefleisch isoliert werden können, beim Menschen zu Infektionen führen, ist derzeit nicht belegt. Die Keime, die in den Krankenhäusern zu Problemen bei der Behandlung führen, sind meist nicht identisch mit denen, die beim Tier oder auf den Lebensmitteln gefunden wurden.

Wie viel Antibiotika werden eigentlich verbraucht?

"Die Ärztinnen und Ärzte verschreiben bei jedem kleinen Infekt Breitband-Antibiotika."

So lautet der Vorwurf aus der Tiermedizin an ihre humanmedizinischen Kollegen. Wer nach belastbaren Zahlen zum Verbrauch in Human- oder Tiermedizin fragt, wird enttäuscht. Zwar werden Abgabe bzw. Verschreibung in Human- und Tiermedizin genau dokumentiert. Eine zentrale Erfassung und Auswertung dieser Daten unterbleibt bisher jedoch.

Aufgrund der Abrechnungen aus dem ambulanten humanmedizinischen Bereich (in dem 85% der Humanmedizin verbraucht werden) kann jedoch die "Verordnungsdichte" (definierte Tagesdosen pro 1000 Versicherte oder "DDD") beziffert werden. Deutschland liegt hier mit den skandinavischen Ländern bei etwa 15 "DDD" und damit im unteren Drittel Europas. Ganz oben stehen Griechenland mit 30 und Frankreich mit 27 "DDD", während die Schweiz mit nur 9 beispielhaft ist.

Ein Zusammenhang zwischen Verordnungsdichte und Anteil resistenter Keime in der Normalbevölkerung kann nach verschiedenen Untersuchungen zum Vor-kommen von Resistenzen bei Darmbakterien gesunder Menschen vermutet werden.

Für die Tiermedizin liegen für das Jahr 2011 erstmals amtliche Zahlen vor: Demnach wurden 1734 Tonnen Antibiotika von der Industrie an die Tierärztinnen und Tierärzte geliefert. Diese Zahl überraschte selbst Insider. Allgemein war man von etwa 30% weniger Verbrauch ausgegangen. Die gute Nachricht dabei: Die in der Humanmedizin als "Reserveantibiotika" klassifizierten Wirkstoffe machten weniger als ein Prozent aus.

Allerdings sind solche Mengenangaben nur bedingt aussagekräftig: So benötigt man für eine Behandlung mit einem neueren Wirkstoff mit breitem Spektrum oft nur einen Bruchteil der Menge, die bei älteren Wirkstoffen erforderlich ist. Für die Resistenzentwicklung muss aber auch das Wirkungsspektrum der Stoffe beachtet werden. Substanzen, die sehr viele Keimarten hemmen, sorgen natürlich auch für einen größeren Druck zur Auswahl resistenter Erreger.
In Human- und Tiermedizin werden derzeit ernsthafte Anstrengungen unternommen, um eine belastbare Datenlage zu schaffen.

Könnte man nicht einfach eine Reduktion der Menge vorschreiben?

Ganz aktuell wird eine Änderung des Arzneimittelgesetzes diskutiert. Demnach sollen Landwirte, die Tiere mästen, in Zukunft die Anwendung von Antibiotika an eine zentrale Datenbank melden. Betriebe, die überdurchschnittlich viel verbrauchen, sollen verpflichtet werden, Maßnahmen zur Verringerung zu ergreifen. Bleibt der Verbrauch hoch, soll die zuständige Behörde dem Betrieb Auflagen machen können. Es muss aber auch daran gearbeitet werden, die Rahmen-bedingungen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung so zu verbessern, dass Tiere möglichst wenig krank werden. Sind sie krank, müssen sie auch wirksam behandelt werden können. Allein mit der Vorgabe einer Mengenreduktion wird das Problem also nicht zu lösen sein.

"Was geht mich das an?"

Natürlich sind zunächst die Verschreibenden in Human- und Tiermedizin gefordert, jede Anwendung kritisch zu hinterfragen. Resistenzen werden aber nicht nur "gezüchtet" oder selektiert, resistente Keime werden auch weitergegeben. Hier ist jede/r Einzelne – nicht nur in Gesundheitsberufen - gefordert, das persönliche Hygieneverhalten zu prüfen. Der bayerische Gesundheitsminister Dr. Huber brachte es auf den Punkt: "Lieber Hände waschen als Hände schütteln!"

In einem weiteren Punkt müssen wir unsere Verantwortung erkennen: Welchen Anspruch habe ich, wenn ich mich in ärztliche Behandlung begebe? Dr. Krombholz, Vorstand der kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, beschrieb eine typische Situation. Patientin zum Arzt: "Herr Doktor, ich weiß, ich habe Fieber und Sie hören was auf der Lunge. Verschreiben Sie mir bitte etwas Pflanzliches, aber morgen muss ich zu einem wichtigen Kongress nach Amerika fliegen!"

Krankentage sind volkswirtschaftlich ein Verlust, den wir uns nicht mehr leisten wollen oder können. Natürlich sollen Antibiotika eingesetzt werden, wenn es erforderlich ist. Als Ersatz für Hygiene und gesunde Lebensführung sind sie aber zu wertvoll.

Das gilt in noch höherem Maße für die Tiermedizin: Das "immer schneller, immer mehr und immer billiger" in der Produktion tierischer Nahrungsmittel stößt an Grenzen. Verbesserte Hygiene, aber auch reduzierte Intensität in Besatzdichte, Fütterung und Leistung sind wichtige Faktoren zur Vermeidung von Krankheiten. All diese Maßnahmen kosten Geld, das die Landwirte über ihre Produkte erwirtschaften müssen.

Sind wir bereit zu zahlen? Oder schauen wir uns die Rechnung erst an, wenn eines der wichtigsten medizinischen Werkzeuge der letzten 50 Jahre stumpf geworden ist?