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Gedanken zu den "Leitlinien für die Wiederbewaldung"
Unsere Chancen nicht verpassen - Forstinfo 04/2019
von Günter Biermayer, AELF Fürstenfeldbruck

Das Bundesumweltministerium (BMU) hat sich im vergangenen Sommer mit "Leitlinien für die Wiederbewaldung" positioniert. Bei genauer Betrachtung dieses Papiers ist festzustellen, dass darin wenigen Lichtblicken viel Schatten gegenübersteht.

Ein Zukunftswald ausschließlich aus unseren natürlichen Waldgesellschaften wird den klimatischen Verschiebungen nicht dauerhaft standhalten. Je nach Tempo und Stärke des Klimawandels kommen sowohl unsere heutigen Wirtschaftswälder als auch die standorttypischen Naturwälder an ihre Grenzen. Es wird nicht reichen, sich bei der Wiederbewaldung von Schadflächen nur an ökologischen Zielen wie Artenvielfalt und natürlicher Erholungsfähigkeit auszurichten. Es stimmt auch nicht, dass die Forstwirtschaft bisher nicht gehandelt hätte und allein deshalb in allen Waldbesitzarten von der Entwicklung überrollt wird. Bereits das Waldgesetz für Bayern von 1974 hatte vielfältige, standortangepasste Mischwälder als Ziel. Seit 1971 ist der Laubholzanteil in Bayern von 22 Prozent auf 36 Prozent bei der jüngsten Bundeswaldinventur 2012 gestiegen. Systematischer Waldumbau ist aber eine Generationenaufgabe. Dass uns jetzt der Klimawandel überholt, ist nicht das Verschulden der Forstwirtschaft. Außerdem sollte ein möglichst schneller Waldumbau nicht unser vorrangiges Ziel sein, weil damit die alten Bestände in Katastrophen untergehen oder allzu schnell flächig abgenutzt werden müssten. Dies verbessert keineswegs die Chancen für vielfältigen, baumartenreichen Nachwuchs und strukturreiche Wälder, sondern ist schädlich für Humusvorrat und Bodenzustand.
Beim aktuellen Handlungsbedarf stehen den positiven Ansätzen in den Leitlinien des Bundesministeriums leider auch viele negative Vorschläge gegenüber.
Zustimmung findet beispielsweise der Grundsatz "Wald vor Wild" als wichtige Voraussetzung auf dem Weg zu klimastabilen, strukturreichen Laubmischwäldern. Ebenso müssen Technologien zur stofflichen Verwendung von Laubhölzern zur Praxisreife gebracht und verstärkt am Bau angewendet werden. Aber schon bei der Methode, wie das grundsätzlich richtige Mischwaldziel zu erreichen ist, scheiden sich die Geister. Vorrangig auf eine natürliche Waldentwicklung zu setzen, aber gleichzeitig auf pflegende Eingriffe zu verzichten, folgt einer naiven Vorstellung über Waldentwicklung. Der Leitgedanke „und dann geht alles von selbst“ hat sich in der Praxis nicht bewahrheitet, wie jahrzehntelange Erfahrungen zeigen. Vielmehr ist es das Nichtstun, das den Beständen schadet. Nicht die regelmäßig und fachgerecht gepflegten Bestände fallen Wetterextremen und Schädlingen zuerst zum Opfer, sondern die ungepflegten. Sich ausschließlich an der so genannten potentiell natürlichen Vegetation (PNV) zu orientieren, ist ebenfalls keine verlässliche Hilfe. Für große Teile Bayerns haben wir gar keine Vorstellung, wie eine PNV künftig aussehen könnte. Erstaunlich ist auch die Forderung, Naturverjüngung zuzulassen. Hat bisher irgendjemand aktiv standortgerechte Naturverjüngung verhindert? Allerdings gilt zu bedenken, dass Naturverjüngung allein noch lange nicht automatisch zu vielfältigen Mischbeständen führt.
Blauäugig ist auch der Vorschlag die CO2-Speicherkapazitäten der Wälder auszubauen. Wer den aktuellen Durchschnittsvorrat in Deutschland mit den kleinflächig gemessenen Maximalwerten aus Urwaldreservaten auf waldgünstigen Optimalstandorten der ukrainischen Karpaten vergleicht, suggeriert ein riesiges Speicherpotenzial, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Vielmehr würden die Rezepte des BMU die Kohlenstoffspeicherkapazität unserer Wälder reduzieren. Der Appell, statt Waldschutzmaßnahmen lieber Störungen in den Waldökosystemen zu tolerieren, wird nämlich für beträchtliche Zeit zum Vorratsabbau auf großer Fläche führen.
Offensichtlich ist auch das Anliegen des BMU, Naturwaldflächen finanziell zu fördern. Dies bringt zwar im Klimawandel nichts, erfüllt aber ein altes Herzensanliegen des Naturschutzes. Geradezu als Hohn muss Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern schließlich die letzte Forderung des BMU erscheinen: "Auch für die Forstwirtschaft muss gelten, öffentliches Geld für öffentliche Leistungen!" Es wird wohl nur wenige Wirtschaftszweige in unserem Land geben, die seit langem für so wenig öffentliches Geld so viele Schutz- und Erholungsleistungen für die Allgemeinheit erbringen wie unsere Forstwirtschaft. Traditionell liegen die öffentlichen Fördermittel weit unter den Beträgen, die der Waldbesitz als Voraussetzung für eine Förderung aufbringen muss. Der Forstwirtschaft nur dann noch Fördergelder in Aussicht zu stellen, wenn sie ihr wirtschaftliches Handeln aufgibt, ist unzumutbar.

Insgesamt ist festzustellen, dass das Vorpreschen aus dem BMU eine Chance verpasst hat. Ein offener Dialog mit den Betroffenen statt eines vor allem naturschutzpolitisch motivierten Positionspapiers wäre besser gewesen. Forstleute als die Experten und die Waldbesitzenden als die Betroffenen müssen sich in der aktuellen Situation den großen Vereinfachern in den Weg stellen. Es darf auch keine Arbeitsteilung nach dem Muster geben

  • die Anderen reden über die Waldschäden und bestimmen, wo es hingehen soll,
  • wir aber arbeiten fleißig an der Vorsorge und Reparatur und müssen erleben, wie unsere Handlungsspielräume immer kleiner werden.
Alle Waldbesitzerinnen, Waldbesitzer und forstlich Tätigen sind jetzt gefordert unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern aufzuzeigen, was derzeit im Wald passiert, was wir für unseren Wald tun können und was wir lieber lassen sollten. Wir dürfen unsere Chance nicht verpassen.

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