Teil eines Dachstuhls mit zahlreichen Verstrebungen

Ilzer Land
Aus einer Bodenordnung im Naturschutzgebiet entwickelte sich eine dynamische Kooperation von neun Gemeinden

Auszubildende mit Geste Daumen hoch

Die Bürgermeister der neun Mitgliedsgemeinden haben die Integrierte Ländliche Entwicklung zur „Chefsache“ gemacht. Jeder von ihnen ist für eines der neun Handlungsfelder verantwortlich und vertritt dabei die kommunalen Belange aller kooperierenden Gemeinden. Ausgangspunkt der erfolgreichen und engen Kooperation waren drei Flurneuordnungen, mit denen bei der konfliktträchtigen Ausweisung des Naturschutzgebietes Obere Ilz die Interessen in Einklang gebracht wurden. Dieser gemeinsame Erfolg ermutigte die Bürgermeister, die Zusammenarbeit zu intensivieren. Seit 2004 stellen sich die Mitgliedskommunen mit 34 000 Einwohnern und einer Fläche von 300 km² im Rahmen der Integrierten Ländlichen Entwicklung gemeinsam den Herausforderungen der Zukunft.

Neun Gemeinden - neun Handlungsfelder

Die Integrierte Ländliche Entwicklung Ilzer Land kann sich glücklich schätzen: Rund 450 engagierte Akteure arbeiten mit, um die Region zu stärken und zu entwickeln. Mittlerweile wurden von den neun kooperierenden Gemeinden rund 500 Projekte und Initiativen in neun gemeinsam festgelegten Handlungsfeldern gestartet:
- Wirtschaft
- Tourismus
- Jugend
- Senioren
- Kommunale Verwaltung
- Marketing; querschnittsorientierte Projekte und Aktionen
- Demografie, Innenentwicklung, Flächenmanagement
- Energie, Klimaschutz, Ressourcen
- Projekte der Ländlichen Entwicklung
Ohne die sehr guten Leistungen und Ergebnisse in anderen Bereichen schmälern zu wollen, werden nachfolgend die Handlungsfelder Innenentwicklung, Demografie und Wirtschaft etwas ausführlicher vorgestellt.

Innenentwicklung als interkommunale Aufgabe

Die Problematik von zunehmenden Leerständen und des Verlustes von Einrichtungen zur Grundversorgung in den Ortskernen ist nach Überzeugung der Akteure nur interkommunal lösbar. In einer beispielhaften Kooperation von Städtebauförderung und Ländlicher Entwicklung wurden die Problemlagen analysiert und eine ressortübergreifende Umsetzungsstrategie konzipiert. Mit Hilfe einer eigens angestellten Innenentwicklungsmanagerin sowie mit Unterstützung der örtlichen Kreditinstitute wird eine Informations-, Beratungs- und Vermarktungsstruktur aufgebaut. Ziel ist es, über die Förderzeiträume staatlicher Programme hinaus, die Ortskerne zu stärken und so die Innenentwicklung zu fördern.

Bestandsaufnahme lieferte alarmierende Daten

69 leer und 39 teilweise leer stehende Gebäude sowie 140 Wohn- und Geschäftshäuser mit dringendem Sanierungsbedarf beeinträchtigen die Attraktivität der Ortskerne und setzen eine Abwärtsspirale in Gang, die schnellstens gestoppt werden muss. Die Leerstände bieten aber auch ein großes Potenzial, um Flächen zu sparen und Neubauten an den Ortsrändern zu vermeiden.
Um wieder neues Leben in alte Gemäuer und Ortskerne zu bringen, wurde von den Gemeinden, der Regierung von Niederbayern und der Verwaltung für Ländliche Entwicklung eine gemeinsame Strategie entwickelt. Besonders wichtig war es dabei, die regionalen Banken als Partner zu gewinnen. Sie fördern nun Innenentwicklungsprojekte mit Sonderkonditionen und bringen sich als Projektpartner bei den Investoren mit besonderem Engagement zur Realisierung von Projekten ein. Die Strategie umfasst folgende Bausteine:
- Eine detaillierte Bestandsaufnahme liegt vor. Flächen- und Gebäudepotenziale sowie Infrastruktureinrichtungen wurden erfasst. Leer- und Teilleerstände, aber auch Baulücken wurden untersucht.
- Bestandsaufnahme und Strategie wurden mit den kommunalen Gremien einzeln und in Sondersitzungen der kooperierenden Gemeinden diskutiert. Über die Lokalpresse und Gemeindeblätter wurden die Bürger für das drängende Problem der Innenentwicklung sensibilisiert.
- Zur Revitalisierung und Umnutzung von Gebäuden sowie zur Finanzierung der Projekte steht ein umfassendes regionales und behördliches Beratungsangebot zur Verfügung. Eine Innenentwicklungsmanagerin koordiniert die Belange.
Mit der „Bauhütte“ entsteht in einem einvernehmlich ausgewählten und leer stehenden Gebäude am Marktplatz von Perlesreut ein Kompetenzzentrum zum Thema Innenentwicklung. Ein Gebäudeteil wird als Bauhütte genutzt, der restliche Teil soll zu einem attraktiven Seniorenwohnsitz am Marktplatz umgebaut werden. Die Fertigstellung der Bauhütte ist für 2013 geplant.

Auf demografische Entwicklungen reagieren und die regionale Wirtschaft stärken

Zur Stärkung der regionalen Wirtschaftskreisläufe und des Selbstbewusstseins in der Region ist ein Unternehmernetzwerk entstanden, dessen Ziel es auch ist, Eigenverantwortung zu übernehmen und eine regionale Identität der Unternehmer zu entwickeln. Heute arbeiten rund 60 Firmen engagiert zusammen, um u.a. Nachwuchskräfte zu gewinnen. Sie haben beim Bayerwald LandWirtschaftsgipfel im Oktober 2009 eine Resolution verfasst. Eine der Forderungen war, die gemeinsame Ausgangssituation anhand vorhandener amtlicher Daten zu recherchieren und zu analysieren. Jetzt weiß man, wo zur wirtschaftlichen Zukunft der Hebel angesetzt werden muss. Denn es besteht Handlungsbedarf, um
- dem Arbeitsplatzmangel in den Mitgliedsgemeinden zu begegnen,
- in acht der Gemeinden den hohen Pendleranteil zwischen 50 und 73 % zu reduzieren,
- hochqualifizierte junge Arbeitskräfte nach ihrer Ausbildung in der Region zu halten oder in diese zurückzuholen und
- so den Prognosen entgegenzuwirken, nach denen bis 2028 der Anteil der Rentner im Verhältnis zur Bevölkerungsgruppe zwischen 20 und 65 Jahren von heute 32 auf dann 52 Prozent steigen würde.
- Aus der Sicht der im Netzwerk kooperierenden Firmen ist es mit den bisherigen Angeboten mittlerweile gut gelungen, junge Menschen mit attraktiven Angeboten in der Region zu halten.

Ausbildungsmessen für Nachwuchskräfte und Hochschulen integrieren

Mit Ausbildungsmessen werden den Arbeitskräften von morgen die vielfältigen Chancen im Ilzer Land aufgezeigt und persönliche Kontakte zwischen Firmen, Schulen, Kommunen und den Jugendlichen hergestellt. Zum Auftakt der 1. Messe wurden je ein Image- und ein Ausbildungsfilm für Schulen und Unternehmen erstellt. Beide Trailer wurden in den Schulen des Ilzer Landes und darüber hinaus gezeigt. Bislang nutzten 900 Schüler das Angebot der Ausbildungsmessen, um sich zu informieren. Alle Akteure, darunter rund 60 Firmen, 17 Schulen, der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft, Elternbeiräte, die Industrie- und Handelskammer Niederbayern, die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz und viele andere werden weiterhin eng und kooperativ zusammen arbeiten. Denn die Rückmeldungen von Firmen und Schulen sind überaus positiv, obwohl die Initiative den Verantwortlichen einen enormen Zeit-, Personal- und Kostenaufwand abverlangt.
Den Bemühungen in der Integrierten Ländlichen Entwicklung Ilzer Land kommen die aus Hochschulstädten in ländliche Gemeinden Niederbayerns verlagerten Hochschulbereiche sehr entgegen. Sie entwickeln sich mehr und mehr zu Kristallisationspunkten für Firmenansiedlungen. So werden die bestehenden Kooperationen mit der Hochschule Deggendorf (Marketing, Logistik usw.), der Universität Passau (Centouris im HF Tourismus) und dem Technologie-Campus in Freyung (Energienutzungspläne) ausgebaut und privatwirtschaftliche Interessen dabei berücksichtigt.

Mit Logistik-Checks die Weichen neu stellen

Mit sogenannten Logistik-Checks für klein- und mittelständische Unternehmen und landwirtschaftliche Betriebe steht ein professionelles Beratungsangebot zur Steigerung der Effizienz und damit zur Sicherung der Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen im Ilzer Land zur Verfügung. Die Logistik-Checks sollen auch Aufschlüsse darüber geben, inwieweit landwirtschaftliche Betriebe durch Flurneuordnung und zusammengelegte, gut erschlossene und zweckmäßig geformte Grundstücke im Wettbewerb gestärkt werden können.

Impulsrunde handelt ressortübergreifend

Kein Handlungsfeld kann isoliert und nur für sich betrachtet werden. Ob Wirtschaft, Innenentwicklung, Energie, Jugend oder Senioren, jedes Thema findet sich auch immer in anderen Handlungsfeldern mehr oder weniger ausgeprägt wieder. Entsprechend wurde im Rahmen des Bayerwald LandWirtschaftsgipfels im Jahr 2009 eine Impulsrunde gegründet, die ressortübergreifend handelt. Heute setzen sich die Vertreter des Ilzer Landes, der Kommunen, der beiden Landkreise, des Amtes für Ländliche Entwicklung, der Regierung von Niederbayern und der befassten Ministerien zusammen, um die eingebrachten Ideen zur Entwicklung der Region zu diskutieren und über Umsetzungsprojekte zu entscheiden. Themen waren bisher u.a. Ansparmodelle für kleinere und mittlere Unternehmen oder die Anpassung der Mindestinvestitionssumme für kleinere Betriebe.

Wer engagiert mitmacht, kommt voran

Sicher haben einige überregionale Veranstaltungen, die von der Integrierten Ländlichen Entwicklung Ilzer Land mit großem Erfolg ausgerichtet wurden oder zu denen die Integrierte Ländliche Entwicklung wesentliche Beiträge geleistet hat, die Arbeit im Ilzer Land qualitativ vorangetrieben. Dazu zählen insbesondere die folgenden Veranstaltungen:
- 10. Bayerische Tage der Dorfkultur, 2009
- Bayerwald LandWirtschaftsgipfel, 2009
- 3. Bayerisches Flächensparforum, Landshut 2011

Auszeichnungen motivieren

2009 würdigte die Bayerische Staatsregierung das innovative und gemeindeübergreifende Engagement der Integrierten Ländlichen Entwicklung Ilzer Land in ihrem Wettbewerb „Innovative Verwaltung“. Ein Jahr später war das Ilzer Land bundesweit erfolgreich: Beim Wettbewerb „Engagement für die Region“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wurde 2010 der Ilzer Land e.V. Bundessieger mit dem Beitrag „Bürgernetzwerke im Ilzer Land“. Und am Anfang der Kooperation gab es bereits die Auszeichnung der Ilz als „Flusslandschaft des Jahres 2002/2003“, die das Ergebnis des Interessensausgleiches im 1997 unter Schutz gestellten Ilztal ist.

Gruppenbild der Verantwortlichen mit Banner „Hand in Hand im Ilzer Land – Staatspreis 2012“

Projektträger
Integrierte Ländliche Entwicklung Ilzer Land mit den Kommunen Fürsteneck, Grafenau, Perlesreut, Ringelai, Röhrnbach, Saldenburg, Schönberg und Thurmansbang im Landkreis Freyung-Grafenau sowie Hutthurm im Landkreis Passau