Forstinfo 01/2022
Ein Jahr Fachstellen Waldnaturschutz - Ein Erfahrungsbericht aus Schwaben

Anfang 2021 wurden in der Bayerischen Forstverwaltung die Fachstellen Waldnaturschutz in Oberfranken, der Oberpfalz und in Schwaben ins Leben gerufen. Nach einem Jahr in der neuen Struktur berichtet Boris Mittermeier aus der Fachstelle in Schwaben.

Start in die neue Organisation

Forstbeamter in Dienstkleidung begutachtet Totholzbaum (© Cornelia Nigg)Zoombild vorhanden

Der stellvertretende Leiter der Fachstelle, Boris Mittermeier, untersucht Tannen-Totholz (© Cornelia Nigg)

Auch nachdem die früheren Natura 2000-Kartierteams in die neue Organisationsstruktur integriert worden waren, stand an den Fachstellen zu Beginn häufig noch das Thema Natura 2000 auf der Tagesordnung. Insbesondere galt es, letzte Managementpläne abzuschließen, Monitoring-Aufgaben zu übernehmen oder »Runde Tische« zu organisieren. Da die schwäbische Fachstelle noch nicht voll besetzt ist, musste oft ein schwieriger Spagat zwischen anstehenden Altlasten und neuen Aufgaben bewältigt werden. Hinzu kamen für einzelne Kollegen die Mithilfe beim Forstlichen Gutachten 2021 und bei der Auszahlung von Corona-Hilfen.

Trotz dieser zusätzlichen Belastungen gingen wir die neue Herausforderung mit viel Elan an. Um uns und unsere Aufgaben intern wie extern bekannt zu machen, erstellten wir eine eigene Internetpräsenz auf der Seite des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Krumbach (Schwaben)-Mindelheim und gaben ein Fachstellen-Faltblatt heraus. Außerdem gab es zahlreiche Vorstellungstermine an den Ämtern in unserem Zuständigkeitsbereich, bei den Forstbetrieben der Bayerischen Staatsforsten, den Naturschutzbehörden sowie bei wichtigen Institutionen und Verbänden aus dem Naturschutzbereich.

Fortbildung und Unterstützung der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten

Eine wichtige Aufgabe der Fachstellen ist die Funktion als Dienstleister für die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Vor allem die Fortbildung der Revierleiterinnen und Revierleiter zum vielfältigen Themenkomplex Waldnaturschutz spielte für uns gleich im ersten Jahr eine wichtige Rolle. Die Mitarbeiter der Fachstelle Hermann Rupp und Mathias Burghard stellten den Kolleginnen und Kollegen des Amtes Nördlingen-Wertingen die Herausforderungen vor, die sich aus der Natura 2000-Ausweisung für den Revieralltag ergeben. Außerdem zeigten sie pragmatische Lösungsansätze für den Erhalt der wertvollen Alteichen im Amtsbereich auf.

Im Rahmen weiterer Fortbildungsveranstaltungen und Dienstbesprechungen informierten wir die Kolleginnen und Kollegen an den fünf schwäbischen Ämtern zu folgenden Themen:

  • Erkennen von Wald-Lebensraumtypen
  • Durchführung von Verträglichkeitsabschätzungen
  • Durchführung von Verträglichkeitsabschätzungen
  • Neue Schutzkategorie Naturwälder
Darüber hinaus wurden für forstliche Nachwuchskräfte mehrere Übungen und Infonachmittage zu den Themen Natura2000 und Naturschutzrecht veranstaltet. Das Fortbildungsangebot soll in Zukunft weiter ausgebaut und an regionalen Waldnaturschutzthemen und -aufgaben ausgerichtet werden. Daran sollen auch externe Akteure aus Forstpraxis und Naturschutz beteiligt werden.
Auch im forstlichen Alltag leistete die Fachstelle Hilfestellung für die Ämter beispielsweise bei zahlreichen Stellungnahmen mit naturschutzfachlichem Bezug. Für besonders repräsentative oder herausragende Flächen in den neu ausgewiesenen Naturwäldern im Staatswald gab die Fachstelle den zuständigen Revierleiterinnen und Revierleitern Datenblätter mit naturschutzfachlichen Basisinformationen an die Hand. Bei der Vorbereitung der noch anstehenden Ausweisung des Naturwalds „Untere Illerauen“ ist unsere Fachstelle ebenfalls beteiligt. Schließlich unterstützen wir die Ämter auch tatkräftig bei der Erstellung der Natura 2000-Gebietsberichte sowie bei den Meldungen der Jahresbegänge in den Naturwaldreservaten.

Projekte im Bereich Waldnaturschutz

Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens konnte die Fachstelle mit eigenen Projekten wichtige Akzente setzen und sich bei externen Akteuren des behördlichen und verbandlichen Naturschutzes als wertvoller Ansprechpartner ins Spiel bringen. So setzen wir in Nordschwaben im Projekt „Donauauwald“ einen fachlichen Schwerpunkt beim Thema Auen. Dabei sollen zum Beispiel bei der Forstbetriebsplanung in größeren Kommunalwäldern waldökologische Begleitpläne erstellt werden. Auf diesem Weg erhalten die Kommunen Empfehlungen, wie sie im Zuge der Waldbewirtschaftung ökologisch wertvolle Altbaumbestände entwickeln oder seltene Habitate, Arten und Strukturen fördern können.
Rindenschröter (<i>Ceruchus chrysomelinus</i>) (© Lukas Haselberger)Zoombild vorhanden

Rindenschröter (Ceruchus chrysomelinus) (© Lukas Haselberger)

Im Oberallgäu initiierte die Fachstelle ein Projekt zur Erfassung von Brutpaaren des Weißrückenspechts, der im Kürnacher Wald eines der wenigen außeralpinen Vorkommen besitzt. Auf Grundlage dieser Kartierung wird die Fachstelle zusammen mit dem Forstbetrieb Sonthofen der Bayerischen Staatsforsten Maßnahmen vorschlagen, die den waldbaulichen Zielen des Forstbetriebs und dem Schutz der Spechtvorkommen gleichermaßen Rechnung tragen.

Beim Biodiversitätsprojekt „Verbund Oberallgäuer Tannenwälder“ der Regierung von Schwaben arbeiten wir mit dem neu gegründete Alpinium in Obermaiselstein bei der Erfassung bestimmter Artengruppen wie xylobionter Käfer als Weiser für naturnahe Waldstrukturen in tannenreichen Bergmischwäldern zusammen. Bei der Suche nach geeigneten Standorten für die Flugfensterfallen entdeckte der Autor im Naturwaldreservat Achrain bei Oberstaufen den als Urwaldreliktart (RLD 1) eingestuften Rindenschröter (Ceruchus chrysomelinus), der im Allgäu über 70 Jahren lang als verschollen galt. Dieser seltene Fund hat es sogar bis in die Abendschau des Bayerischen Fernsehens gebracht.

Öffentlichkeitsarbeit

Personen im Wald sitzern auf Holzbänken und lauschen den Vortragenden, die vor ihnen stehen (© Mathias Burghard)Zoombild vorhanden

Fledermaus-Aktion mit Schülern der 10. Klasse eines örtlichen Gymnasiums (© Mathias Burghard)

Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit versuchen wir – gemeinsam mit den örtlich zuständigen Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten – über die Erfolge im Waldnaturschutz zu berichten und die Arbeit der Fachstelle einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Dazu gab es Presseartikel über »Runde Tische« in den abgeschlossenen FFH-Gebieten sowie Beiträge für das Bergwald.Allgäu-Journal der Bergwaldoffensive. Mitarbeiter unserer Fachstelle referierten unter anderem an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (4. Semester Forstwirtschaft) über die Rolle der Vegetationskunde für Förster oder bei der Landesgartenschau in Lindau (Bodensee) über die Tobelwälder des Westallgäus. Im Krumbacher Staatswald organisierte Andreas Walter von der Fachstelle gemeinsam mit dem Forstbetrieb Weißenhorn der Bayerischen Staatsforsten eine Aktion für das örtliche Gymnasium, bei der Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen unter fachlicher Anleitung Fledermauskästen bauten und im Wald aufhängen durften. Diese werden künftig in das Monitoring der Bechstein-Fledermaus einbezogen. Ebenso waren wir bei Führungen der Ämter in unserem Zuständigkeitsbereich zu Waldnaturschutzthemen beteiligt. Ein Beispiel dafür war die Exkursion am Fellhorn zum Thema „Baumgrenzen im Klimawandel“ im Rahmen des Citizen-Science-Projektes „BaySics“ der Technischen Universität München.

Fazit

Nach dem anspruchsvollen Start unter Corona-Bedingungen sind wir als Fachstelle Schwaben mittlerweile gut in unsere neue Aufgabe hineingewachsen. Beim Thema Waldnaturschutz versuchen wir, in intensiver Zusammenarbeit mit den Fach-Expertinnen und -Experten der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) eine Mittlerrolle zwischen Forschung und forstlicher Praxis an den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten einzunehmen. Bedeutsam erscheinen uns nach einem Jahr in der neuen Struktur besonders die Präsenz vor Ort, die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen und eine entsprechende Außenwirkung. Dies kann aus unserer Sicht nur dort gelingen, wo die Fachstellen-Spezialisten an externen Arbeitsplätzen an den jeweiligen Ämtern tätig sind. Die Arbeit in der Fachstelle erfordert fachübergreifende Kompetenz, ein hohes Maß an Eigeninitiative und Organisationsvermögen und nicht zuletzt einen aufgeschlossenen Umgang mit Partnern auch außerhalb der Forstverwaltung. Es ist damit eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, die aber eine tolle Chance bietet, die entscheidende Scharnierfunktion zwischen Forstwirtschaft und Naturschutz beim wichtigen Zukunftsthema Waldökologie einzunehmen.