Eine Magaritenknopse entfaltet ihre Blüte; das Bild zeigt vier verschiedene Blühstadien in Reihe. Foto: Delphotostock/fotolia.com

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Bestandsanalyse, Chancen, Strategie
Soziale Landwirtschaft in Bayern

Soziale Landwirtschaft steht für eine große Idee, an der international gearbeitet wird. Länder wie die Niederlande, die Schweiz, Italien und Österreich sind Vorreiter in "Grüner Sozialarbeit", "Green Care" oder "Social Farming" wie Soziale Landwirtschaft dort bezeichnet wird.

In Regionen außerhalb Bayerns beinhaltet der Begriff auch Angebote, die zu den "Erlebnisangeboten auf dem Bauernhof" zählen, wie z. B. Ernte-Erlebnisse, Geburtstag auf dem Bauernhof und ähnliches.

Soziale Landwirtschaft – was ist das?

Ampfer stechenZoombild vorhanden

Ampfer stechen

In Bayern wird "Soziale Landwirtschaft" enger definiert: Sie umfasst diejenigen Betriebe und Betriebsarten, die eine Wertschöpfung (auch im Sinne einer erbrachten Arbeitsleistung) im Bereich Landwirtschaft, in der bäuerlichen Hauswirtschaft, im Forst oder/und Gartenbau erzielen und diese mit einem sozialen Angebot verbinden.

Kirchliche und soziale Einrichtungen nutzen schon länger ihre landwirtschaftlichen Flächen für die Betreuung, Versorgung und sinnvolle Beschäftigung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen wie Senioren, Menschen mit Behinderungen, ehemaligen Drogenabhängigen oder Strafgefangenen.

Denn, dass das Arbeitsfeld Landwirtschaft zur Gesundung bzw. Stabilisierung des Lebens beitragen kann und sprichwörtlich wieder 'Boden unter den Füßen' vermittelt, ist unstrittig. Zahlreiche empirische Studien belegen die positiven Wirkungen für die verschiedenen Nutzergruppen in Erziehung, Bildung, Rehabilitation, Resozialisierung und Sozialtherapie.

Landwirte offen für soziales Unternehmertum

Neu ist, dass seit etwa 5 Jahren auch immer mehr landwirtschaftliche Betriebe in Bayern im sozialen Unternehmertum aktiv werden beziehungsweise sich sozial engagieren und ihren Betrieb zur Verfügung stellen. Eigentlich haben die bäuerlichen Betriebe schon immer soziale Arbeit geleistet. So ist zum Beispiel das "Austragshäusl" das wohl älteste Beispiel für "betreutes Wohnen auf dem Bauernhof". Und für die eigenen Angehörigen wurde und wird dies zum Nulltarif geleistet.
Bau eines Spielplatzes für die Camping-Gäste des Bio-Betriebs Alois SchmidbauerZoombild vorhanden

Bau eines Spielplatzes für Camping-Gäste

Der demografische Wandel hat einen großen gesellschaftlichen Bedarf im Bereich Soziale Landwirtschaft mit sich gebracht. Bäuerliche Familienbetriebe sind prädestiniert dafür. Die realistische Lebens- und Arbeitswelt, die klar festgelegte Tagesstruktur, eine klare einfache Hierarchie, keine Therapie-, sondern normale Alltagssprache, sinngebundene Tätigkeit statt "künstlicher" Beschäftigung, notwendige Handarbeit - besonders auf ökologisch wirtschaftenden Betrieben - erden die Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Viele kleinere Landwirte müssen heute diversifizieren, das heißt sich ein zweites Einkommensstandbein zur Sicherung ihres Betriebes aufbauen. Das Ministerium sieht daher in der Multifunktionalität der Landwirtschaft große Entwicklungspotenziale und setzte 2014 mit dem Auftrag zu einer deutschlandweit ersten Studie zur "Sozialen Landwirtschaft" einen Impuls.

Studie "Soziale Landwirtschaft in Bayern - praxisorientierte Bestandsaufnahme"

In einer aufwändigen Recherche wurden 191 Anbieter sozialer Landwirtschaft in Bayern identifiziert, darunter 61 landwirtschaftliche Betriebe. Erhoben wurden unter anderem Finanzierungsmodelle, Wirtschaftlichkeit und Betriebsgegebenheiten. Einige ausgewählte Beispiele wurden in der Studie genauer analysiert und dokumentiert.

Generell sind drei Grundtypen zu unterscheiden:

  • soziale Organisationen mit eigenem landwirtschaftlichen Betrieb (zum Beispiel Werkstätten für Menschen mit Behinderung), die zum Teil schon 20 Jahre tätig sind (69 Prozent)
  • landwirtschaftliche Betriebe, die sich diversifizieren wollen und ihre Motivation für diese Richtung aus persönlichen Erfahrungen oder aufgrund einer Doppelqualifikation wie zum Beispiel Sozialpädagogik ziehen (31 Prozent)
  • Kooperationen zwischen landwirtschaftlichem Betrieb und sozialer Organisation gibt es bei 16 Prozent der genannten 31 Prozent.

Impuls zur Zusammenarbeit

Dr. Georg Walzel, Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, Wolfgang Scholz, Vizepräsident BBV Oberbayern, Ministerialdirigent Wolfram Schöhl, Stefan Löwenhaupt, Geschäftsführer der xit GmbH, Thomas Obster, Kreisobmann Landkreis Kelheim und stellvertretender Bezirkspräsident BBV Niederbayern, Landwirt Alois Schmidbauer, beschäftigte ArbeiterZoombild vorhanden

Kooperationspartner und Akteure Soziale Landwirtschaft

Am 10. April 2015 wurden die Ergebnisse der Studie auf dem Betrieb Alois Schmidbauer in Poikam bei Bad Abbach von Ministerialdirigent Wolfram Schöhl und Stefan Löwenhaupt, Geschäftsführer der die Studie durchführenden xit-GmbH, vorgestellt. "Die heutige Bekanntgabe der praxisorientierten Bestandsanalyse zur Sozialen Landwirtschaft, die wir als ersten Schritt zur Beleuchtung der Chancen in Auftrag gegeben haben, soll ein kräftiger Impuls sein und als Anschub für alle Akteure verstanden werden", so Schöhl.
Hannelore Langwieser, Bezirksrätin und Behindertenbeauftragte im Regierungsbezirk NiederbayernZoombild vorhanden

Hannelore Langwieser

Plädoyers zur Sinnhaftigkeit und zur Bedeutung von Angeboten in Sozialer Landwirtschaft, aber auch zum notwendigen Abbau von rechtlichen und bürokratischen Hürden, zu vermehrtem interdisziplinären Austausch und zur Vernetzung aller zuständigen Ministerien, Behörden, Organisationen und Verbände hielten Hannelore Langwieser, Bezirksrätin und Behindertenbeauftragte im Regierungsbezirk Niederbayern, sowie der stellvertretende Bezirkspräsident des BBV Oberbayern, Wolfgang Scholz. Scholz öffnet schon seit langem seinen Hof für ehemalige Drogenabhängige, um ihnen die Rückkehr in ein normales Leben zu erleichtern.

Im Anschluss an die Bekanntgabe demonstrierte Landwirt Alois Schmidbauer, welche land- und forstwirtschaftlichen Arbeiten eine Gruppe autistischer Jugendlicher und Suchtkranker auf seinem Betrieb durchführen.

Soziale Landwirtschaft – wie geht es weiter?

Inzwischen stehen viele landwirtschaftliche Betriebe - zum Teil mit einer einschlägigen (sozial-)pädagogischen Berufsausbildung oder Zusatzausbildung - in den Startlöchern, um sich mit ihrem Hof im Zukunftsfeld "Soziale Landwirtschaft" einzubringen. Auch soziale Einrichtungen werden immer hellhöriger.
  • Mittlerweile gibt es drei regionale Netzwerke unter der Leitung von Mitarbeitern der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (ÄELF) Passau, Kempten und Weißenburg für Niederbayern/Oberpfalz, für Oberbayern/Schwaben und für Franken.
  • An der Landesanstalt für Landwirtschaft wurde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingerichtet, um rechtliche Rahmenbedingungen, Finanzierungsmöglichkeiten und Anforderungen abzustimmen und Beratungsunterlagen zu erstellen. Ziel ist, dass Angebote der Sozialen Landwirtschaft in naher Zukunft möglichst unbürokratisch und zügig umgesetzt werden können – zum Wohl der Gesellschaft und auch als weitere Möglichkeit der Diversifizierung in der Landwirtschaft. Im Fokus der Arbeitsgruppe stehen zunächst die Zielgruppen "Senioren" und "Suchtkranke".
  • Um die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe zu verwerten und die Angebote "Soziale Landwirtschaft" in Bayern weiterzuentwickeln, wird im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) Agri das Projekt "Soziale Landwirtschaft" eingereicht. Im Jahr 2016 wählt ein Gremium die förderfähigen Projekte aus.