Leicht hängige Ackerlandschaft mit blühendem Rapsfeld am Bildhorizont. Auf drei von vier weiteren Feldern ist die Saat aufgegangen. Bebuschte Raine strukturieren die Landschaft.

Tüßling
Bodenmanagement ermöglicht erstes ABSP-Projekt - so wurde neuer Lebensraum für Flora und Fauna geschaffen

Mähdrescher fährt auf wassergebundenem Weg

Kreuz und quer liegende kleine Grundstücke sowie Zufahrtsregelungen durch Geh-, Fahrt- oder Notwegerechte: dies kennzeichnete vor der Flurneuordnung die Situation in einer 220 Hektar großen und rund drei Kilometer langen Flurlage zwischen Heiligenstatt und Altötting. Nach nur 3 ½ Jahren bewirtschaften die 30 Voll- und 40 Nebenerwerbslandwirte nun drei Mal so große Flächen. Zusammen mit nunmehr geregelter und guter Erschließung der Grundstücke, vorwiegend über naturnahe Kieswege, ergeben sich für die Landwirte beachtliche betriebswirtschaftliche Vorteile.

Bodenmanagement für mehr Natur

Tüßling ist ein hervorragendes Beispiel für die Flexibilität und den dynamischen Prozess einer Flurneuordnung. Nach der Anhörung der Träger öffentlicher Belange brachte ein unerwartet hoher Grunderwerb von 30 Hektar, z. B. von Erben- oder Anteilsgemeinschaften, naturschutzfachlich Stein für Stein ins Rollen. Die 30 Hektar sind nun ein neu geschaffenes Biotopverbundsystem und machen aus einer ehemals strukturarmen Agrarlandschaft ein kleines Naturparadies mit gesicherten Lebensräumen für gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Laichballen verschiedener Amphibienarten signalisieren bereits die hohe ökologische Wirkung der neuen Lebensräume.
Das Bodenmanagement war der Schlüssel zum ersten Arten- und Biotopschutzprogramm-Projekt (ABSP-Projekt) im Landkreis Altötting! Dies konnte der Ländlichen Entwicklung nur gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde, der Wasserwirtschaftsverwaltung und der Gemeinde gelingen. Ihre Beiträge zum Biotopverbundsystem sind viele extensive Flächen, 5 bis 10 Meter breite Uferstreifen und zwei Hektar Renaturierungsbereich am Mörnbach oder eine Ökokontofläche. 24 Hangquellen wurden faunistisch und floristisch geprüft und wenn möglich optimiert.

Schulzimmer Landschaft

Die Landwirte waren dem ABSP-Projekt sehr aufgeschlossen und die Teilnehmergemeinschaft Flurneuordnung gestaltete 15 Hektar des Biotopverbundsystems. Mit Elan und Spaß packten unter fachlicher Anleitung oder erforderlicher Muskelkraft Erwachsener neun Klassen der Grund- und Hauptschule, der Heimvolkshochschule Heiligenstatt, der Fachakademie für Sozialpädagogik Starkheim und der landwirtschaftlichen Berufsschule Mühldorf-Altötting mit an.
Der Feuersalamander ist ein Vertreter der Roten Liste. Nun hat nicht nur er, sondern z. B. die Gelbbauchunke, spezielle Laichgewässer für die Entwicklung ihrer Population. Auch Weißstorch und Wiesenbrüter finden Nahrungs- und Brutbiotope. Ein Storchenpaar hat bei seinem Afrikaflug die ein Hektar große Storchenwiese und das von einer Schulklasse geflochtene Storchennest bereits auf der Durchreise inspiziert. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge finden auf neu angesäten, arten- und blütenreichen, extensiven Blumenwiesen ihren Lebensraum. Die Schüler schreinerten auch Wildbienenhäuser und Hummelkästen und pflegen sie heute als Paten. Zwei neue Streuwiesen am Pilgerweg bereichern auch ästhetisch die Landschaft. Gesamtergebnis: Über 100 SchülerInnen lernten begeistert Biologie in der Landschaft und fördern jetzt das ökologische Bewusstsein auch bei anderen.

Wallfahrtsweg Altötting

Schätzungsweise 50 000 Gläubige pilgern jährlich auf einem Wegstück durch eine wesentlich bereicherte Landschaft. Auf einer „Hinweistafel“ erfahren sie, dass sich hier vier bedeutende Pilger- und Wanderwege treffen: Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela (seit dem 12. Jhd.), die Wallfahrtswege nach Heiligenstatt (1373) und Altötting (1489) und seit 2005 der 248 Kilometer lange „Benediktweg“ mit den Lebensstationen des Papstes aus Marktl. Meist stehen dort, wo Pilgerwege zusammenlaufen, religiöse Mahnmale für Rast und Besinnung. Zu dieser Tradition hat die Teilnehmergemeinschaft einen einzigartigen Pilgerbaum (Eiche) kreiert und aufgestellt, den ein heimischer Holzbildhauermeister kunstvoll verziert hat. Übrigens: Nach dem Flurneuordnungsgebiet führt der Wallfahrtsweg idyllisch am Mörnbach entlang weiter nach Altötting. Er wurde bereits vor 20 Jahren durch Flurneuordnung zum Ausgleich landwirtschaftlicher und religiöser Interessen hier neu angelegt.

Projektträger
Flurneuordnung Tüßling, Landkreis Altötting