Buchenwald mit Totholz (© Stephan Thierfelder)

Naturwälder in Bayern
Was sind Naturwälder?

Biberdamm im AuwaldZoombild vorhanden

Biberdamm im Auwald
(© Felix Brundke)

Naturwälder bilden auf 10 % der staatlichen Waldfläche Bayerns - also auf rund 790 Quadratkilometern, dem Zehnfachen der Fläche des Chiemsees - ein grünes Netzwerk von nutzungsfreien Wäldern. Hier kann sich die Waldnatur frei entwickeln. Eine forstwirtschaftliche Nutzung, also das Fällen von Bäumen um Holz zu ernten, findet auf diesen Flächen nicht statt. Das Waldgesetz sieht nur dann eine Ausnahme vor, wenn notwendige Maßnahmen des Waldschutzes, z. B. Gefahr des Übergreifens von Borkenkäferbefall auf umliegende Wälder, oder der Verkehrssicherung erforderlich sind. Neben ihrer Bedeutung für die Biodiversität sind diese Wälder vor allem für die Bevölkerung da. Sie sollen dem Naturerleben aller Bürger dienen. Durch geeignete Wege und andere Einrichtungen kann die Waldnatur mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden, sodass ein Besuch im Naturwald zum Naturerlebnis wird. Zudem dienen Naturwälder auch als Referenz für eine unbeeinflusste Entwicklung der Wälder im Klimawandel.

Was soll mit der Ausweisung von Naturwaldflächen bewirkt werden?

Wird ein Wald als Naturwald ausgewiesen, wird der Nutzungsverzicht auf dieser Fläche rechtlich bindend festgeschrieben. Eine natürliche Waldentwicklung ist dort ausdrücklich das Ziel. Speziell in den großflächigen Gebieten entwickeln sich alle Altersphasen eines Naturwaldes. Von der Verjüngungsphase bis zur Zerfallsphase laufen diese ungestört ab. Auch durch Sturm, Überschwemmung oder Schneelast („Störungen“) betroffene Bäume verbleiben grundsätzlich als Totholz und Biotopbäume auf der Fläche. So soll u.a. mittel- bis langfristig der ökologische Wert von Naturwäldern weiter wachsen und einen Beitrag zum Erhalt und zur Verbesserung der Biodiversität leisten. Vielfältigste ökologische Nischen bieten den unterschiedlichsten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Über ganz Bayern verteilt, bilden Naturwälder verschiedenster Größe ein grünes Netzwerk der Artenvielfalt. Nachhaltig bewirtschaftete Wälder verbinden sie und schaffen Wander- und Ausbreitungskorridore für Arten.

Naturwälder sollen nicht nur von außen betrachtet, sondern dort, wo dies die natürlichen Voraussetzungen zulassen, für die Gesellschaft besonders erlebbar gestaltet werden. Sie begegnen dem Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger nach unberührter Natur und alten wilden Wäldern auf größerer zusammenhängender Fläche. Ein besonderer Schwerpunkt bildet deswegen das Erleben der natürlichen Waldentwicklung vor Ort – naturschonend und mit Rücksicht auf sensible Arten und Lebensräume. Beides zusammen, also Natur erhalten und Natur erleben, macht den Kern der neuen waldrechtlichen Schutzkategorie aus.

Schließlich dienen die Naturwälder auch als Referenz für eine unbeeinflusste Entwicklung naturnaher Wälder im Klimawandel.

Auf welcher rechtlichen Grundlage werden Naturwälder ausgewiesen?

Mit Inkrafttreten des „Zweiten Gesetzes zugunsten der Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern (Gesamtgesellschaftliches Artenschutzgesetz – Versöhnungsgesetz)“ wurde der Auftrag, dauerhaft 10 Prozent der Staatswaldfläche aus der forstlichen Nutzung zu nehmen, mit dem Art. 12a Abs. 2 in das Bayerische Waldgesetz (BayWaldG) übernommen. Dort heißt es:

„Bis zum Jahr 2023 wird im Staatswald ein grünes Netzwerk eingerichtet, das 10 Prozent des Staatswaldes umfasst und aus naturnahen Wäldern mit besonderer Bedeutung für die Biodiversität besteht (Naturwaldflächen).“

Wenn alle diese Waldflächen festgelegt und flächenscharf abgegrenzt sind, werden sie durch eine Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten formal zu Naturwäldern erklärt. Die reguläre Nutzung wird bereits mit der Auswahl eingestellt.

Für die Umsetzung des Gesetzesauftrags in einem wirkungsvollen Gesamtkonzept werden derzeit die vorhandenen Flächen abschließend abgegrenzt und noch Ergänzungen im Netzwerk vorgenommen.

Warum werden Naturwälder auch als "grünes Netzwerk" bezeichnet?

Unter dem „grünen Netzwerk“ wird der Verbund von mindestens 79.000 Hektar Naturwälder im Staatswald verstanden, in denen keine forstliche Nutzung mehr stattfindet. Es umfasst ökologisch besonders wertvolle Staatswälder und wird bis spätestens 2023 komplettiert. Wald soll sich hier entsprechend seiner natürlichen Dynamik frei entwickeln. Das Netzwerk bildet so das Rückgrat artenreicher Wälder. Größere Naturwälder können sich zu Spenderflächen für spezialisierte, z. B. auf große Totholzmengen angewiesene Arten entwickeln und wirken so weit über ihre Gebietsgrenzen hinaus. Dies gelingt besonders, wenn im Rahmen der nachhaltigen Waldbewirtschaftung auf naturschutzwirksame Strukturen geachtet wird, von der angemessenen Beteiligung standortsheimischer Baumarten über das Belassen von Biotopbäumen und Totholz bis hin zu Trittsteinen natürlicher Waldentwicklung und Naturwaldreservaten. Nachhaltig bewirtschaftete Wälder sind verbindendes Element für das grüne Netzwerk der Naturwälder und den Austausch zwischen Vorkommen seltener Tier- und Pflanzenarten.

Wie setzt sich das „grüne Netzwerk“ der Naturwälder zusammen?

Das grüne Netzwerk der Naturwälder setzt sich zum einen aus den vielen ökologisch hochwertigen Staatswaldflächen zusammen, in denen bereits in der Vergangenheit keine Holznutzung mehr stattfand. Diese sind:

  • Die bewaldeten Kernzonen der beiden Nationalparke „Bayerischer Wald“ und „Berchtesgaden“ sowie des Biosphärenreservats Rhön.
  • Staatliche Naturwaldreservate: Schutzgebiete, welche die in Bayern vorkommenden natürlichen Waldgesellschaften und ihre Standorte repräsentieren sollen. Deren natürliche Entwicklung soll erforscht und Erkenntnisse und Strategien für die naturnahe Forstwirtschaft abgeleitet werden.
  • Trittsteine natürlicher Waldentwicklung: Wälder, in denen die Bayerischen Staatsforsten aufgrund ihres Naturschutzkonzepts die Nutzung bereits aufgegeben haben. Dies sind u. a. Klasse-1-Wälder, Altholzinseln, Moorwälder, unzugängliche Flächen in Wäldern der Bayerischen Staatsforsten.
Zusätzlich wird das grüne Netzwerk mit weiteren, bis zuletzt noch genutzten Wäldern, ergänzt und komplettiert. Allen voran werden insbesondere Auwälder sowie Buchenwälder wegen ihrer besonderen Bedeutung für die heimische Artenvielfalt neu ausgewiesen und aus der Nutzung genommen. Gerade Auwälder nehmen in ihrer Funktion als Wander- und Verbindungskorridore dabei eine besondere Stellung ein.

Nach Abschluss der Flächenauswahl wird auf rund 10 % der Staatswaldfläche Bayerns, also auf mindestens 79.000 Hektar, dauerhaft keine forstliche Nutzung mehr stattfinden.

Nach welchen Kriterien werden Naturwälder ausgewählt?

Als Naturwälder werden in erster Linie Wälder mit besonderer Bedeutung für die Biodiversität ausschließlich in staatlichem Besitz ausgewählt. Sie bilden das Rückgrat des grünen Netzwerkes und zeichnen sich zum Beispiel durch hohe Anteile natürlich vorkommender Baumarten, besondere Altersstadien, eine herausragende Biotopfunktion oder eine lange Wald- und Habitattradition aus (d. h. sie sind über lange Zeiträume durchgängig mit Wald bedeckt gewesen, so dass typische Arten immer geeignete Lebensräume fanden und sich gut etablieren konnten). Naturwälder haben also bereits eine besondere, herausgehobene Bedeutung für die Artenvielfalt im Wald und sollen diese weiter ausbauen.

Das grüne Netzwerk bildet aber auch die Vielfalt der unterschiedlichen Waldgesellschaften Bayerns ab: von Auwäldern, über Buchen- und Eichenwälder bis hin zu den Wäldern der Mittel- und Hochgebirge. Die Größe der Einzelfläche ist bei der Auswahl weniger entscheidend als ihre naturschutzfachliche Qualität und Bedeutung. Kleine, aus der Nutzung genommene Trittsteine natürlicher Waldentwicklung tragen zum grünen Netzwerk ebenso bei, wie mittelgroße und große Naturwälder. So ergibt sich eine große Bandbreite von Altbaumgruppen ab 3.000 Quadratmetern bis hin zu mehrere tausend Hektar großen Waldkomplexen.

Nicht in Frage kommen stark kulturgeprägte Wälder, die in Zeiten des Klimawandels mit klimatoleranten Baumarten umgebaut werden müssen, damit sie ihre Waldfunktionen weiter erfüllen können. Ebenso sind Waldflächen ungeeignet, deren Artenausstattung von einer bestimmten Bewirtschaftungsform abhängen, wie z. B. Mittel- oder Niederwälder.

Wie viele Naturwaldflächen gibt es schon?

Insgesamt soll das grüne Netzwerk aus Naturwäldern bis zum Jahr 2023 10 % der Staatswaldflächen Bayerns umfassen. Ziel ist also mindestens 79.000 Hektar Naturwälder für das grüne Netzwerk auszuweisen und von einer forstlichen Nutzung auszunehmen.

Für die Umsetzung dieses Gesetzesauftrags in einem wirkungsvollen Gesamtkonzept werden derzeit die vorhandenen Flächen abschließend abgegrenzt und noch Ergänzungen im Netzwerk vorgenommen.

Hierbei bilden die vielen bereits nutzungsfreien Wälder im bayerischen Staatswald die Basis des grünen Netzwerks. Dazu gehören unter anderem die bewaldeten Kernzonen der beiden Nationalparke und des Biosphärenreservates Rhön sowie die Naturwaldreservate. Auch die bisher von den Bayerischen Staatsforsten im eigenen Naturschutzkonzept, also durch Selbstverpflichtung nutzungsfrei gestellten Klasse-1-Wälder und weitere Trittsteine natürlicher Waldentwicklung werden nun bei entsprechender Eignung integraler Bestandteil des grünen Netzwerks.

Zudem stehen insbesondere Ergänzungen für eine verbesserte Repräsentanz bei Buchen- und Auwald-Lebensräumen im Fokus. In einem ersten Schritt wurde dazu von Frau Staatsministerin Michaela Kaniber im Oktober 2019 angekündigt, den gesamten von BaySF bewirtschafteten Donau-Auwald zwischen Lechmündung und Neuburg a.d.Donau als rund 960 Hektar großen Naturwald auszuweisen. Im Mai 2020 hat die Forstministerin vier weitere große Naturwälder im Gesamtumfang von knapp 5.000 Hektar angekündigt. Es handelt sich um die Naturwälder „Buchenwälder in der südlichen Frankenalb“ (1.090 Hektar) bei Kelheim, „Irtenberger Wald“ bei Würzburg (510 Hektar), „Auwälder an der mittleren Isar“ zwischen München und Landshut (2.430 Hektar) und den Naturwald „Knetzberge-Böhlgrund“ im Steigerwald (850 Hektar).

Der Staatswald liegt zum größten Teil im Verantwortungsbereich der Bayerischen Staatsforsten und der Bayerischen Forstverwaltung. Aber auch andere Staatsverwaltungen in Bayern werden geeignete Flächen einbringen. Aktuell werden noch weitere geeignete, naturschutzfachlich hochwertige Staatswaldflächen identifiziert.

Wo kann ich die Schutzgebietskulisse einsehen? Wo finde ich Naturwälder?

Neue Naturwälder werden mit entsprechenden Gebietskarten auf der Homepage des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten bekanntgegeben. Auch die Gesamtkulisse der Naturwälder kann nach deren abschließender Festlegung dort eingesehen werden.

Naturwälder in Bayern (www.forst.bayern.de/naturwaleder)

Der Zugang wird auch über die Internetseiten der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie der Bayerischen Staatsforsten möglich sein.

Zudem wird auch die Bekanntmachung über das grüne Netzwerk gem. Art. 12a BayWaldG in Bayern veröffentlicht. Im zugehörigen Verzeichnis kann dann die Gesamtkulisse mit ihren Einzelflächen eingesehen werden.

Darf die Jagd in Naturwäldern weiterhin ausgeübt werden?

Hochsitz zwischen Bäumen

© Jan Böhm

Eine nachhaltige Jagd steht nicht im Widerspruch zu den Zielen der Naturwälder. Ein entscheidender Teil einer natürlichen Waldentwicklung ist die Verjüngung der Altbäume über deren Samen. Bäume werden nicht mehr gepflanzt, sondern sollen sich natürlich verjüngen, also deren Samen keimen und heranwachsen. Damit dies gelingt, ist es notwendig, dass die jungen Keimlinge bzw. die Knospen der jungen Bäume nicht übermäßig von z.B. Rehen oder anderen Schalenwildarten verbissen werden. Grundlage hierfür sind angepasste Wildbestände. Auch zur Regulierung der Schwarzwildbestände und zur Vermeidung von Schäden auf angrenzenden Flächen leistet die Jagd in Naturwäldern ihren Beitrag. Daher ist eine Jagdausübung auch in den Naturwäldern weiterhin notwendig.

Wird in Naturwäldern das Betreten oder das Sammeln von Pilzen, Beeren und Kräutern eingeschränkt?

Pilz auf Waldboden

© Jan Böhm

Wie in Bayerns Wäldern generell, ist auch ein Betreten von Naturwäldern zur Erholung sowie zum Genuss der Schönheit der Natur erlaubt. Nicht nur dies – es wird mit der Ausweisung auch ausdrücklich das Anliegen verfolgt, den Menschen Zugang zu unberührter Waldnatur zu öffnen, soweit sensible Arten dadurch nicht gestört werden. Ebenso ist das Sammeln von Pilzen, Beeren und Kräutern für den Eigenbedarf erlaubt. Hierbei ist auf einen pfleglichen Umgang mit der Natur besonders zu achten. Wo erforderlich, werden örtliche Hinweise auf störungsempfindliche Bereiche gegeben.