Forstpolitik

Fitnessprogramm für Bayerns Wälder
Klimamaßnahmen der Forstverwaltung – Zwischenbilanz und Ausblick
von StMELF

Mai 2013 - Wälder und Waldbesitzer in Bayern werden vom Klimawandel besonders stark betroffen. Doch wirksame Anpassung ist möglich und lohnt sich. Der Freistaat hat sehr frühzeitig damit begonnen und kann bereits erhebliche Fortschritte vorweisen. Dies ergab eine Zwischenbilanz für die Jahre 2008 – 2012. Für die Zukunft sind zusätzliche Maßnahmen notwendig, insbesondere beim Waldumbau. Das „Fitnessprogramm für die Wälder“ soll daher fortgesetzt und verstärkt werden.

Klimawandel - Herausforderung für Wälder und Waldbesitzer

Der Klimawandel gehört zu den größten Herausforderungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Er schreitet laut Wissenschaft global rascher und folgenreicher voran als bisher prognostiziert (weltweite Rekord-Treibhausgasemissionen, steigende globale Durchschnittstemperaturen, Abschmelzen der Arktis, steigende Meeresspiegel).

Die Wälder und mit ihnen die rund 700.000 Waldbesitzer in Bayern zählen zu den Hauptbetroffenen des Klimawandels. Wir müssen daher – aufbauend auf dem erfolgreichen Maßnahmenpaket der letzten fünf Jahre – unsere Anstrengungen verstärken und neue Instrumente anwenden, um unsere Wälder in Bayern fit für den Klimawandel zu machen.

Es ist für unsere Heimat und Wirtschaft elementar, die vielfältigen (überlebens)wichtigen Funktionen der Wälder (Klimaschutz; Wasserschutz; Schutz vor Lawinen, Muren, Überschwemmungen; Biodiversität; Erholung; Holzproduktion etc.) dauerhaft für unsere Gesellschaft zu sichern. Der Sektor Forst/Holz/Papier ist mit einem Jahresumsatz von rund 35 Mrd. € und rund 190.000 Beschäftigten eine der fünf wichtigsten Branchen in Bayern, mit besonderer Bedeutung für den ländlichen Raum.

Handlungsbedarf und Ziele

Die wichtigste Entscheidung beim Waldbau ist die viele Jahrzehnte wirkende Baumartenwahl, die aufgrund des Klimawandels unter immer größeren Unsicherheiten getroffen werden muss. Insbesondere Hitze, Trockenheit und Schädlinge werden künftig voraussichtlich deutlich häufiger und stärker auftreten und die Bäume bisher nicht gekannten Stresssituationen aussetzen. Dies kann auf großen Flächen die Wälder in ihrer Substanz gefährden.

Der Klimawandel bedroht allein im bayerischen Privat- und Körperschaftswald rund 260.000 ha Fichten- und Fichten-Kiefern-Wälder, wie in Mittelfranken oder im Tertiärhügelland.
Im Alpenraum wird eine weit stärkere Erwärmung als im Flachland erwartet. Dies gefährdet besonders die Schutzwirkung des Bergwalds für Bewohner und Sachwerte in den Bergen und im Alpenvorland.

Intakte Moore dienen dem Klimaschutz, bieten Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten und wirken ausgleichend auf den Wasserhaushalt. Viele Moore in Bayern wurden in der Vergangenheit abgebaut und entwässert. Ihre Renaturierung liegt im öffentlichen Interesse.

Bis 2020 wollen wir zunächst 100.000 ha akut gefährdete Nadelwälder im Privat- und Körperschaftswald in klimatolerantere Mischwälder umbauen. Im Staatswald sind bis 2033 rd. 172.000 ha Fichten- und Kiefern-Reinbestände umzubauen. Im Bergwald sind in mindestens einem Projektgebiet pro Alpen-Landkreis umfassende Maßnahmen vorgesehen. Ferner sind umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten notwendig.

Klimakonzept

Mit dem Klimakonzept wollen wir die Risiken für Wälder, Forstbetriebe und Bevölkerung mindern sowie die Chancen für den Rohstoff Holz nutzen. Aufbauend auf einer nachhaltigen naturnahen Forstwirtschaft sollen in fünf Handlungsbereichen Anpassungs- (Waldumbau, Bergwaldoffensive) und Klimaschutzmaßnahmen (Walderhaltung/Moore, Holzverwendung) umgesetzt werden, unterstützt durch anwendungsorientierte Forschung. Unser Vorgehen ist in klimaschutzpolitische Prozesse (Klimaprogramm Bayern 2020) und Netzwerke (Weihenstephaner Erklärung, Bayerische Klimaallianz) eng eingebettet.

Klimakonzept der Bayerischen Forstverwaltung (© StMELF)

Bisherige Maßnahmen

Die Zwischenbilanz zeigt erhebliche Fortschritte, aber auch weitere Herausforderungen:

Waldumbau

Wir wollen das ambitionierte Ziel gemeinsam mit den privaten und kommunalen Waldbesitzern angehen, denn Erfolg und Fortschritte beim Waldumbau hängen von den eigenverantwortlichen Entscheidungen der Eigentümer ab. Hier sind Überzeugungsarbeit durch Vertrauensbildung, "Kundenorientierung" und gute Vorbilder sowie ein langer Atem erforderlich.

Die aktiv wirtschaftenden Waldbesitzer werden beim Waldumbau vom Freistaat Bayern durch Beratung und Förderung unterstützt.
  • Von 2008 bis Ende 2016 wurden mit staatlichen Fördermitteln auf über 55.000 Hektar standortangepasste Mischwälder im Privat- und Körperschaftswald neu geschaffen.
  • Waldumbau im Körperschaftswald hat Vorbildcharakter und strahlt auch auf benachbarte Privatwaldbesitzer aus.
  • Die Bayerischen Staatsforsten haben in den Geschäftsjahren 2008 bis 2016 rund 60.000 Hektar in klimatolerantere Mischwälder umgebaut. Bis 2035 sollen weitere rund 110.000 Hektar dazukommen.
  • Die neu entwickelten Klimarisikokarten geben als bundesweit beachtete "Soforthilfe" Waldbesitzern und Beratern eine Vorstellung vom Wald der Zukunft in ihrer Region.
  • Die Selbsthilfeeinrichtungen der Waldbesitzer sind wichtige Partner beim Waldumbau.

Bergwaldoffensive (BWO)

Die sehr erfolgreiche BWO hat mit derzeit 30 Projektgebieten und rund 1.000 Einzelmaßnahmen das ursprüngliche Ziel weit übertroffen. Innovativ sind v. a. die Konzentration der Maßnahmen auf Projektgebiete und die umfassende Einbindung der Waldbesitzer und Interessensträger (Jäger, Naturschützer, Kommunen etc.) in projektbegleitenden BWO-Beiräten oder „Bergwaldforen“. Ferner wurden das waldbauliche Förderprogramm gezielt auf die Anpassung der Bergwälder ausgerichtet, im INTERREG-Projekt WINALP erstmalig eine flächendeckende Erfassung der Standortverhältnisse durchgeführt und die Versorgung mit hochgebirgstauglichem Saat- und Pflanzgut gesichert.

Forschung und Entwicklung

Die etwa 25 Vorhaben wurden konsequent auf hohen Praxisnutzen und rasche Umsetzung ausgerichtet.

Beispiele:

  • Baumarten für die Zukunft und Standortinformationssystem
    • Anhand europaweiter Daten wurden standortbezogen die Stresstoleranz und Anbaueignung der Baumarten untersucht und mit den vielfältigen Standortfaktoren und dem prognostizierten Klimawandel verknüpft.
  • Risiken von Waldbrand- und Sturmschäden sowie Schädlingsbefall
    • Gefährdungsmodelle/-karten wurden erarbeitet, Überwachungssysteme für Schadinsekten angepasst und ihre Populationsdynamik analysiert. Waldbesitzer können sich online über den aktuellen Gefährdungsgrad durch den Borkenkäfer in ihrer Region informieren.
  • Potenzial der Kohlenstoffbindung von Wald und Holzprodukten
    • Im Vergleich unterschiedlicher Strategien erbringen nachhaltig genutzte Wirtschaftswälder den höchsten Klimanutzen.
  • Neue Verwendungsmöglichkeiten für klimatolerante Laubbaumarten
    • Die Entwicklung von Buchen-Brettschichtholz ermöglicht innovative Tragwerkskonstruktionen in architektonisch anspruchsvollen Holzbauten und neue Wertschöpfungschancen für Waldbesitzer und Holzwirtschaft.

Moore im Wald

Im Staatswald wurde eine Reihe von Renaturierungsprojekten umgesetzt, finanziert aus Mitteln für „besondere Gemeinwohlleistungen“.

Finanzierung

Zur Finanzierung der genannten Maßnahmen (ausgenommen Moore) wurden – zusätzlich zu den Haushaltsmitteln für forstliche Förderung und Forschung – für den Zeitraum 2008 bis 2011 insgesamt 26,5 Mio. € zur Verfügung gestellt.

Für 2012 sowie für den Doppelhaushalt 2013/2014 konnten erneut jährlich 7 Mio. € für die Durchführung dieser Maßnahmen bereitgestellt werden.

Fitnessprogramm für Bayerns Wälder

LWF-Neubau in Buchen-Brettschichtholz-BauweiseZoombild vorhanden

Neubau der LWF in Buchen-Brettschichtholz-Bauweise (Foto: Rosin/TU München)

Der voranschreitende Klimawandel erfordert zusätzliche Anstrengungen. Insbesondere strukturelle Probleme im Waldbesitz erschweren einen schnellen Umbaufortschritt, wie die ungünstige Waldbesitzstruktur (geringe Flächengrößen, fehlende Wegeerschließung usw.), der demographische Wandel und die steigende Anzahl passiver und urbaner Waldbesitzer, die den Bezug zur sachgemäßen Bewirtschaftung oder gar zum Wald insgesamt verlieren. Auch fehlendes Wissen über eine wertschöpfende Verwendung des künftig vermehrt anfallenden Laubholzes bremst die Motivation zum Umbau.

In beträchtlichem Umfang findet in Privatwäldern aus diesen Gründen bisher keine angemessene Pflege statt. Im Übrigen verbleiben auch nach Erreichung des 100.000 ha-Ziels noch rd. 160.000 ha Umbaubedarf im Privat- und Körperschaftswald. Daher haben wir unser „Fitnessprogramm“ für die Wälder weiter forciert. Dazu werden – im Sinne einer Informations- und Beratungsinitiative – folgende Maßnahmen umgesetzt:

Erreichte Waldumbauflächen sichern

  • Stabilisierung von Jungbeständen durch verstärkte Pflegemaßnahmen (unterstützt durch Fortbildung, Beratung und Förderung)

Vorhandene Potenziale stärker nutzen

  • Die Forstförderung soll ab 2014 attraktiver ausgerichtet werden, um effektiver zu den ambitionierten Waldumbauzielen beizutragen.
  • In „Waldumbauprojekten“ nach dem Vorbild des „Zukunftswalds Rohr“ (Landkreis Roth) werden in ganz Bayern regionale Waldumbauinitiativen gestartet, vorzugsweise dort, wo besonderer Handlungsbedarf besteht.
  • Ein neues Standortinformationssystem wird ab 2013 die Beratung wesentlich unterstützen. Mit diesem deutschlandweit einzigartigen Instrument können Risiken und Handlungsalternativen bei der Baumartenwahl abgeschätzt und Entscheidungen der Waldbesitzer unterstützt werden. Auch die FZus werden diese Instrumente nutzen können.
  • Die sehr erfolgreiche Bergwaldoffensive wird fortgesetzt und auf weitere Projektgebiete ausgedehnt, z. B. in den Landkreisen Oberallgäu und Lindau.
  • Wir treiben Forschung und Entwicklung voran (u. a. mit modernsten satelliten-gestützten Fernerkundungssystemen) und machen die Erkenntnisse unmittelbar für die Praxis nutzbar. Die forstgenetische Forschung wird ausgebaut.
  • Wir schaffen Leuchtturm- und Referenzprojekte für vorbildhafte Holzverwendung, v.a. bei der Erweiterung der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in innovativer Bauweise mit Buchen-Brettschichtholz. Neue Wertschöpfung für Laubholz führen zu höherer Wertschätzung und damit zu mehr Mischwald. Die Erweiterung der LWF erfolgt als eines der ersten Gebäude in Deutschland in Buchen-Brettschichtholz-Bauweise.
  • Aufgrund der landeskulturellen und ökologischen Vorteile sollen in den nächsten Jahren im Rahmen der Möglichkeiten verstärkt Moore renaturiert werden.

Neue Potenziale erschließen

  • Ein neues Waldbesitzer-Portal im Internet wird das Kommunikations- und Beratungsangebot erweitern, vor allem für urbane Waldbesitzer der „Web 2.0-Generation“.
  • Regionale Waldbesitzertage in allen sieben Regierungsbezirken sollen 2013/2014 ein breites Podium bieten, um mit Zehntausenden Waldbesitzern und Bürgern ins Gespräch zu kommen.
  • Das „Zentrum Nachhaltigkeit Wald“ im Steigerwald wird ab Herbst 2013 als „Aufbruch Bayern“-Projekt nachhaltige Forstwirtschaft und innovative Holzverwendung für neue Zielgruppen erleb- und begreifbar machen.
  • Durch verstärkte Kooperation mit Netzwerken wie der Bayerischen Klimaallianz sollen die Gesellschaft sensibilisiert sowie – als Rückkopplung – neue Impulse zur Anpassung der Wälder generiert werden.