Aufgeschlagene Publikation mit darauf liegender Lesebrille symbolisieren umfangreiches Informationsangebot

Europäischer Dorferneuerungspreis 2002 für Auerbergland in Oberbayern/Schwaben

Ortsteil Tanneberg der Gemeinde Burggen
Auerbergland im Landkreis Ostallgäu und Landkreis Weilheim-Schongau wurde mit einem „Europäischen Dorferneuerungspreis für ganzheitliche, nachhaltige und mottogerechte Dorfentwicklung von herausragender Qualität“ ausgezeichnet. In der Dokumentation zum Europäischen Dorferneuerungspreis hat die Europäische Arbeitsgemeinschaft für Landentwicklung und Dorferneuerung das Projekt wie folgt gewürdigt:

Die Projektbezeichnung Auerbergland weist schon darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine einzelne Gemeinde, sondern um das gesamte Umland des Auerbergs mit allen darin eingebetteten Ortschaften handelt: Konkret sind das elf Ortsgemeinden mit rund 20000 EinwohnerInnen und einer Fläche von 25000 Hektar. Dieses Auerbergland liegt im Allgäu, westlich des Lechflusses und im nördlichen Vorfeld der bekannten Fremdenverkehrszentren im Oberammergau. Nicht nur Orts- und Gemeindegrenzen werden überschritten, sondern auch die Verwaltungsgrenzen zweier bayerischen Regierungsbezirke.
Die Dimension ist für die Ansprüche von Landentwicklung und Dorferneuerung, die sich weniger als fachliches Planungsinstrument, sondern vielmehr als prozesshafte Entwicklungsplanung „von unten“ unter massiver Einbindung der Bürger versteht, schwer vorstellbar. Und doch ist der Zusammenschluss geglückt: Eine Reihe von aktiven Arbeitsgemeinschaften ist Ausgangspunkt für die Mobilisierung von Eigenkräften, die sich selbst organisieren, koordinieren und moderieren.

Das Besondere und zugleich Bewirkende an der Struktur ist der horizontale Zusammenschluss an der Basis: Anstelle der üblichen hierarchischen Gliederung von gebietskörperschaftlichen Ebenen in historisch begründeten Grenzen durch darin zusammengefasste Orte, Gemeinden und Landkreise sind es im Projekt Auerbergland die Bürger, die sich in Gruppen und fachlich orientierten Arbeitskreisen eines gemeinsamen Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraumes formieren, um die Probleme vor und rund um ihre Haustüren zu thematisieren und zu lösen. Die Bereitschaft und die Befähigung, miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren, ist in der Tat die wichtigste Voraussetzung einer positiven Entwicklung.

Die Ausgangslage für das Land um den Auerberg ist nicht einfach. Zwar handelt es sich um keine extrem benachteiligte oder peripher gelegene Region, wohl aber um eine „Dazwischenlage" mit wirtschaftlichen Schwächen und Problemen, einem hohen Anteil an Landwirtschaft und Kleingewerbe, ohne nennenswerte Industriebetriebe, abseits von den Orten mit zentralörtlicher Bedeutung oder florierendem Tourismus. Der logische Schluss, der im Auerbergland gezogen wurde, lautet: An diesen Bedingungen wird sich nicht viel ändern lassen, zum Erfolg können daher nur die Mobilisierung der eigenen Kräfte und interkommunale Zusammenarbeit in den verschiedensten Bereichen führen. Tatsächlich gibt es mittlerweile eine Fülle an fertigen Plänen und bereits umgesetzten Maßnahmen betreffend eine regionaltypische Wirtschaft (Gewerbe, Handel, Handwerk, Dienstleistung), Tourismus und Erholung (Zielgruppen: Familien mit Kindern, sportliche Aktivurlauber und Senioren), Landschaft und Kultur, eine eigenständige Land- und Forstwirtschaft, eine umweltschonende Energieversorgung, Entsorgung und Verkehr, Qualifizierung der heimischen Bevölkerung sowie Weiterentwicklung des sozialen und ehrenamtlichen Engagements.
Skulpturen mit dem Titel ''Römer und Alemannen'' des Roßhauptener Holzbildhauers Josef Walk
Von den weit über 700 bäuerlichen Betrieben sind 80 Prozent kleinstrukturiert, mit einer Betriebsgröße unter 30 Hektar. Deshalb gibt es zahlreiche Bemühungen um die Schaffung von Einkommenskombinationen - unter anderem durch die Einführung einer eigenen Marke für regionale Produkte, eine Direkt- und Regionalvermarktung über den Verein „Auerbergland-Spezialitäten e.V.“, besondere Qualitätsrichtlinien für landwirtschaftliche Produkte, ein erstes bäuerliches Schlachthaus in Burggen, die Kreation des „Auerburger“ als Gegenstück zum Fast-Food-Burger, alternative Produkte wie Imkerei-Qualitätshonig mit Auerbergland-Banderole oder Auerbergland-Honigschnaps und eine Anlage zur Haltbarmachung von Obstsüßmost. Nicht zuletzt wird dabei auch auf Kooperationen zwischen Landwirten und Gastwirten gesetzt, beispielhaft sei auf die Projekte „Bauernhof-life" (Bauernhöfe öffnen sich für Urlaubsgäste und Exkursionen), „Tischlein deck dich“ (Feriengäste finden auf Bestellung einen mit regionalen bäuerlichen Produkten gefüllten Kühlschrank vor) und „Wanderreiten im Auerbergland“ hingewiesen.

Die Aktivitäten im Sinne einer Stärkung von Handwerk und Gewerbe sind ebenfalls höchst beachtlich. So wurden ehemalige landwirtschaftliche Bausubstanz für handwerkliche Kleingewerbegründungen umgenutzt, Gewerbe-Ausstellungen organisiert, Rad- und Wanderkarten „Erlebniswege Auerbergland“ mit 100 Routen auf über 800 Kilometer beschilderten Strecken in allen elf Gemeinden erstellt sowie ein Auerbergland-Qualitätssiegel für Beherbergungsbetriebe entwickelt, um nur einige Initiativen zu nennen. Insgesamt ist eine Verlagerung vom produzierenden zum Dienstleistungssektor festzustellen.

Auch die Stoffkreisläufe sind ein viel beachtetes Thema. Neben bewusstseinsbildenden Massnahmen (Infoblatt, Fachgruppe „Energie“, Energieberatung für Kommunen und Bürger in Kooperation mit Energie-Zentrum-Allgäu) sind als erste konkrete Umsetzungen das Landjugend-Haus am Kienberg mit Solarversorgung und Pflanzenkläranlage, eine Photovoltaik-Anlage in Ingenried, der Aufbau von Wertstoffhöfen, die Umstellung der Heizungsanlage der Schule Bernbeuren auf Holzpellets als Contracting-Projekt und das „50/50-Projekt“ zur Energieeinsparung an Schulen hervorzuheben.
Ein Ausschnitt der Infotafel zur römischen Kaiserstraße Via Claudia Augusta zeigt römische Straßenbauer bei Vermessungarbeiten.
Zu den vielen „klassischen“ Maßnahmen im Dorf (Bauleitpläne, Gestaltung des öffentlichen Raumes, Sanierungsarbeiten) und in der Landschaft (Landschaftspläne, Streuwiesenkonzepte, Renaturierungen von Bachläufen, Wiedervernässung von Mooren) gesellen sich vielfältige identitätsstiftende Kulturprojekte. Herausragendes Beispiel ist die Via Claudia Augusta, die alte kaiserliche Römerstraße, die Italien mit der Donau verbindet. Mit diesem Projekt ist nicht nur eine Anbindung an die alten kulturellen Wurzeln, sondern auch die Transmission zu neuen europäischen Partnerregionen in Tirol, Österreich, und in Italien über gemeinsame Kultur- und Kunstinitiativen verbunden.

Durch die aufeinander abgestimmte Bündelung der Aktivitäten und den Aufbau eines überregionalen Netzwerkes mit Partnerschaften zu anderen europäischen Regionen ist es im Auerbergland auf überzeugende Weise gelungen, besonders tragfähige und nachhaltige Projekte zu entwickeln und zu realisieren. Der Mut, sich auf neue von Bürgerbeteiligung getragene Beziehungen und damit verbundene Reibungsflächen und Konfliktfelder einzulassen, hat sich gelohnt: Kreative Potentiale wurden frei und haben besonders innovative und zukunftsorientierte Lösungen induziert.